Kirche in Not - Italienisches Sekretariat

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Die Religionsfreiheit in den Ländern mit überwiegend islamischer Bevölkerung
Bericht 1998


Anhang

Interview mit Father Samir Khalil Samir, Redaktion: Vittorio Emanuele Vernole

Interview mit Muhammad Sa’id al-Ashmawi, Redaktion Andrea Morigi


Interview mit Pater Samir Khalil Samir

Der Jesuitenpater Samir Khalil Samir ist gebürtig aus Kairo und Dozent für orientalische Theologie an der Theologischen Fakultät der Universität Saint-Joseph in Beirut/Libanon. Er lehrt auch am Päpstlichen Orientalischen Institut in Rom und ist Leiter und Gründer des CEDRAC (Centro di Documentazione e Ricerca Arabo-Cristiano = Arabisch-christliches Dokumentations- und Forschungszentrum).

 

Da wir über die Frage der Religionsfreiheit in den islamischen Ländern sprechen, möchte ich bei Ihrer persönlichen Erfahrung ansetzen. Sie stammen aus Ägypten, leben und lehren im Libanon, in Beirut, in einem Land, das viele Jahre lang ein einzigartiges Beispiel für das Zusammenleben und die Achtung zwischen Christen und Muslimen war. Dann haben sich durch den langen Bürgerkrieg, der das Land verwüstete, viele Dinge geändert. Wie ist die Situation der Christen im heutigen Libanon?

Ich kann sagen, daß die Situation gut ist, und zwar aus einem Grund: weil der Libanon kein islamisches Land ist. Es ist ein Land, in dem es viele Muslime gibt, vielleicht sind sie in der Mehrheit, aber zum Glück ist es ein Land, das sich vom Gesetz her nicht als muslimisch definiert - im Unterschied zu allen anderen arabischen Ländern. Der Libanon ist das einzige Land, das gleichzeitig arabisch und nicht-muslimisch ist. Das kommt auf juridischer Ebene dadurch zum Ausdruck, daß dem Gesetz nach der Präsident der Republik ein Christ sein muß, während der Premierminister ein Muslim sein muß. Die Realität des Libanon, die auf das Jahr 1923 zurückgeht, als seine Verfassung verabschiedet wurde, ist Frucht einer Haltung der Christen im Libanon, einer Einstellung, die mich seit jeher beeindruckt hat. Ich bin Ägypter und habe in verschiedenen arabischen Ländern gelebt, aber ich war immer beeindruckt von diesem Unterschied, den ich in den Christen des Libanon sehe, und teilweise in denen Syriens. In Ägypten haben wir eine Haltung wie Sklaven, was auf Jahrhunderten der Unterwerfung beruht, die zu einer Haltung des Duldens geführt haben. Das hat auch zu einer bestimmten Spiritualität geführt, die sehr schön ist und in der die christliche Annahme des Leids sichtbar wird. Im Libanon und in Syrien ist das anders. Da wird nicht geschwiegen, wenn etwas nicht in Ordnung ist; selbst wenn in Syrien der Prozentsatz der Christen unter dem in Ägypten liegt. In Syrien haben sie keine Angst, sie haben einen Stolz, den man in Ägypten nicht findet. Das beruht auf Jahrhunderten der Geschichte, und diese Haltung ist zu einer zweiten Natur geworden. Sollten im Libanon die Christen zu einer Minderheit werden, weit weniger als die Muslime, werden die Christen auf ihren Rechten als Staatsbürger bestehen. Sie haben eine andere Mentalität entwickelt.

 

Worin liegt das soziologische, ideologische und religiöse Fundament der Diskriminierungen und Verfolgungen, von denen die Christen betroffen sind?

Die Frage des Islam kann man nicht verstehen, wenn man nicht den Bezug zur Politik herstellt. Ungerechtigkeiten gibt es überall. Wir sind daran gewöhnt, es als etwas Normales zu betrachten, daß die Minderheiten für ihre eigenen Rechte kämpfen müssen. Bemerkenswert ist, daß es in den muslimischen Ländern eine unmittelbare Identifikation zwischen Religion und Politik gibt, die den Staat legitimiert, denjenigen rechtlich als minderwertig zu betrachten, der nicht der islamischen Religion angehört. In den muslimischen Ländern gibt es zwei Ziele, für die die Regierung Verantwortung trägt: in erster Linie die islamische Religion zu schützen, das heißt, mit allen verfügbaren Mitteln sicherzustellen, daß ihr Folge geleistet wird; in zweiter Linie die Ausbreitung des Islam über die ganze Welt. Das ist die klassische Theorie der muslimischen Rechtsgelehrten; das ist nicht Neues. Der Islam ist "Religion und Gesellschaft". Unter diesem Gesichtspunkt wird verständlich, daß alle wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Anstrengungen unternommen werden, um den Islam auszubreiten.

Eine weitere Charakteristik der islamischen Welt ist das Vorherrschen der Gemeinschaft über das Individuum, was bedeutet, daß Begriffe wie Gewissensfreiheit oder Menschenrechte (zwei Konzepte, die seit zwei Jahrhunderten - im Guten wie im Schlechten - die westliche Welt kennzeichnen) von der muslimischen Kultur nur zu einem ganz kleinen Teil assimiliert worden sind.

Die rechtlichen Grundlagen der gegenwärtigen Diskriminierungen wurden zwischen dem 2. und 5. Jahrhundert der islamischen Ära erarbeitet (was der Epoche vom 8. bis 11. Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung entspricht). In dieser Ära wurde die gesamte Jurisprudenz entwickelt, und diese Lehre reicht bis in unsere Tage hinein. Man muß auch sagen, daß die islamische Kultur am Beginn des 20. Jahrhunderts von einer weitläufigen liberalen Strömung durchdrungen wurde, die nicht zuletzt durch den Einfluß des Westens geweckt wurde, der diese Strömung als erstrebenswert für die Gesellschaft sah. Es gab bedeutende Rechtsgelehrte, die im Ägypten der dreißiger Jahre unseres Jahrhunderts den Napoleonischen Kodex und die traditionelle islamische Gesetzgebung in einer positiven Weise miteinander verbunden haben. All das wurde zu Beginn der siebziger Jahre wieder in Frage gestellt, durch den Krieg 1973, die Erdölkrise usw.

Die "integralistische" Reaktion auf die modernistischen und liberalen Tendenzen trat bereits nach der Abschaffung des Kalifats durch Atatürk im Jahre 1924 auf den Plan. Auf das Ende der zwanziger Jahre geht auch die Entstehung der "Muslim-Brüder" zurück. Diese Reaktion weckte jedoch die Feindseligkeit der Regierungen aller arabischen Staaten (man denke an Nasser). Wir müssen vor Augen haben, daß die Auffassung, wonach der Islam "Religion und Staat" ist, am getreuesten dem ursprünglichen Entwurf Mohammeds entspricht. Wenn die Islamisten heutzutage dieses sozio-politische Projekt einfordern, so sind sie damit der allgemeinsten und authentischsten islamischen Tradition treu.

In der Kultur der muslimischen Araber hat schließlich, statt der Kategorie des Staatsbürgers, die traditionelle Aufteilung der Gesellschaft in Gläubige (diejenigen, die den Islam befolgen) und Ungläubige (deren Schicksal der Tod sein kann oder die Bekehrung zum Islam) überwogen. Die Verwirklichung und Verbreitung dieser Vorstellung von Gesellschaft bleibt der Traum der Traditionalisten.

 

Ist es möglich, sich den Islam heute anders vorzustellen? Gibt es eine Dialektik oder ein Abwägen zwischen verschiedenen Interpretationen?

Ich denke, daß das möglich ist, aber dann wird es eine neue Tradition sein, die nicht die heute dominierende ist. Der Islam entstand von Anfang an als sozio-politisches und auch militärisches Projekt: Das geht sowohl aus dem Koran als auch aus der der Sunna, der Überlieferung, die das Leben und die Worte Mohammeds umfaßt, klar hervor. Für einen Muslim gehören Religion und Politik untrennbar zusammen. Jene hingegen, die zu einer Trennung der beiden Ebenen tendieren, sind die sogenannten liberalen Muslime; doch sie werden von der Mehrheit nur dem Namen nach als Muslime betrachtet; deren Islam weckt Zweifel, zumal viele von ihnen den Islam nicht praktizieren. Diese Liberalen behaupten, es gäbe im Koran und im Leben Mohammeds zwei Phasen, die erste sei die in Mekka (die Jahre 610-622) und die zweite sei die Zeit in Medina (die Jahre bis 632, dem Todesjahr Mohammeds). Wenn man die Quellen untersucht, ist nach dieser Interpretation in der Phase in Mekka festzustellen, daß die Aussagen eher spirituell als politisch sind. Die Aussagen Mohammeds weisen auf die Einzigartigkeit Gottes, auf das Endgericht, das alle nach dem Tod erwartet (ein Urteil, aufgrund dessen jeder mit dem Himmel belohnt oder mit der Hölle bestraft wird) und schließlich auf die soziale Gerechtigkeit, auf die Solidarität mit den Armen. Das wäre der ursprüngliche Islam, der authentischste nach Auffassung der Liberalen, die ursprüngliche Idee, so wie sie Mohammed offenbart worden sein soll. In Medina hingegen habe sich ein politischer Islam entwickelt, weil die historischen Umstände Mohammed dazu geführt hätten, ein Sozialsystem zu schaffen, die Armee zu organisieren, Kriege zu führen usw. Die dieser Epoche entsprechende Lehre ist für die Liberalen demnach zweitrangig, nicht notwendig, sie mag in jenen besonderen historischen Umständen ihre Gültigkeit gehabt haben, aber nicht universell.

Eine derartige Interpretation wird von den islamistischen Fundamentalisten bestritten, die sagen, daß gerade die zweite Phase der wahre Islam sei, in der ersten Phase in Mekka sei Mohammed nicht ganz frei gewesen, sein Projekt zum Ausdruck zu bringen, da habe er Konzessionen machen müssen. Als er in Medina die volle Autorität besaß, als er nicht mehr von den Bewohnern Mekkas angefeindet wurde, da habe sich das wahre Projekt gezeigt, das ein sozio-politisches, militärisches und religiöses Projekt sei. Unter diesen beiden Tendenzen hat die zweite, wie wir gesehen haben, vorgeherrscht; im übrigen ist sie die, die tatsächlich dem ursprünglichen Projekt von Mohammed am ehesten entspricht.

 

Wie wird diese Projekt in den islamischen Ländern umgesetzt?

Wir müssen von der Voraussetzung ausgehen, daß in der Sichtweise des Islam jedes Mittel gut ist, wenn es zum Endziel der Errichtung des islamischen Staates und zum Schutz des Islam beiträgt. Das sieht man in der Islamisierung der Schule: In Ägypten wird jeden Morgen mit der Lektüre des Koran begonnen, die Texte der Unterrichtsfächer sind voll mit Bezügen zum Islam, von der Mathematik bis zur Geschichte oder zur Literatur; das Lernen des Koran ist obligatorisch für alle.

Ein anderes Mittel ist die Demütigung der Christen auf allen Ebenen. Wenn ich auf der Straße bin und diskret ein Kreuz trage, riskiere ich, geschlagen oder beschimpft zu werden. Es ist normal, daß man von Kindern angepöbelt wird. Es gibt also bereits auf soziologischer Ebene einen starken Druck, der die Schwächsten entmutigt. Auf der gravierenderen ökonomischen Ebene führt die Diskriminierung im Blick auf die Christen dazu, daß es für sie schwieriger ist, eine Arbeit zu finden; oft beschränkt sich diese Möglichkeit auf private Arbeit. In der Hinsicht muß man sich auch vergegenwärtigen, daß viele Länder auf dem Personalausweis den Hinweis auf das religiöse Bekenntnis haben; und wo das nicht der Fall ist, da ist es der Name selbst, der den religiösen Glauben des einzelnen offenbart und so seine Möglichkeiten zu arbeiten und auch seine Behandlung bestimmt.

Auch die Information spielt unter diesem Gesichtspunkt eine wichtige Rolle: Tag für Tag ist in den Zeitungen die Rede vom Islam; zuweilen werden die Christen heftig angegriffen. Auch im Fernsehen ist der Islam sehr stark präsent: Die Programme berichten über die Erfolge des Islam, die Nachrichten werden vom Gebet unterbrochen. In den Fernsehdebatten werden den Christen häufig Vorwürfe gemacht, eine aufrichtige Auseinandersetzung oder das Recht auf Gegendarstellung aber gibt es nicht; das gleiche gilt für die Zeitungen. Auf der Straße hört man überall die Radiosendungen mit den fünf Gebeten, denen Aufrufe vorangehen, die bis zu eine Stunde dauern können. In Ägypten gibt es einen staatlichen Rundfunksender, der den Koran rund um die Uhr sendet. Es geschieht, daß ein frommer Muslim, ohne böse oder feindselige Absichten, die Lautstärke ganz aufdreht, damit alle Nachbarn mithören können (das ist in der arabischen Welt ganz normal). Die Auswirkung jedoch ist die, daß derjenige, der Christ ist, sich den ganzen Tag den Koran anhören muß... und viele Christen sagen, daß wir all das nicht akzeptieren müßten...

Der soziale Druck der Islamisierung ist recht stark und hat schwerwiegendere Auswirkungen auf die Christen als die Gesetze; das kann man nicht verstehen, wenn man nicht in einem muslimischen Land lebt und die arabische Sprache nicht versteht. Dieser Wettstreit von Kräften, die einen Zwang ausüben, das hat eine gewisse Ähnlichkeit mit dem, was in den kommunistischen Ländern geschah, wo die Gesetze und Institutionen dem Namen nach die Freiheit garantierten, aber in der Wirklichkeit war das nicht so. Wenn wir bedenken, daß es dem Kommunismus in 70 Jahren fast gelungen ist, den religiösen Sinn des russischen Volkes auszulöschen, müssen wir zugeben, daß es wirklich ein Wunder ist, wenn es nach so vielen Jahrhunderten im Nahen Osten noch christliche Gemeinschaften gibt.

 

In dieser Situation verwundert es, daß der Westen angesichts von Fällen offenkundiger Verletzungen der Menschenrechte untätig bleibt; für die öffentliche Meinung, die großen Kommunikationsmedien und politischen Institutionen scheint es dieses Problem nicht zu geben...

Mir scheint, daß dem Westen da seine Geschichte im Wege steht. Soziologisch gesehen, ist der Westen christlichen Ursprungs, aber er hat seit zwei Jahrhunderten dafür gekämpft, sich von der Religion und seiner Identität zu befreien. Die Idee, daß sich das Christentum nicht in politische Fragen einmischen darf, daß das ein innere, persönliche Angelegenheit ist, die mit dem bürgerlichen Leben nichts zu tun haben soll, ist weit verbreitet. Die Religion wurde privatisiert. Viele im Westen sind im übrigen säkularisiert und haben angesichts der Religion zwei mögliche Haltungen: 1. Die Religion geht mich nichts an, das ist eine Privatangelegenheit des einzelnen; 2. Die Religion ist ein Phänomen, das bekämpft werden muß.

An der Wurzel dieser Denkweise liegt auch die Polemik gegen die Kirche, als Institution verstanden, mit einer Hierarchie, Verwaltungsapparat usw. Wenn hingegen vom Islam die Rede ist, dann wird immer betont, daß es sich um eine andere Kultur handelt, die das Recht hat, sich so zu organisieren, wie sie das für richtig hält, mit der Polygamie, der Staatsform usw. Die typisch westliche Denkweise setzt den Respekt vor anderen Kulturen an die erste Stelle, aber nicht wenn es sich um die Christen im Orient handelt. Ferner ist aufgrund der Tatsache, daß für viele die Religion keinen Sinn hat, auch dieses Problem der Verfolgungen der Christen uninteressant; manch einer interpretiert auch nach westlichen Denkmustern, die oft dem Marxismus entlehnt waren, Wirklichkeiten, die ganz anders sind. Das hat zu empörenden Verkehrungen geführt, wie jene, man müsse den Bürgerkrieg im Libanon als Klassenkampf sehen: ein Krieg der Muslime, der Armen und Unterdrückten, gegen die Christen, die Reichen und Mächtigen. Die Wirklichkeit sah ganz anders aus.

Ein anderer Aspekt dieses Problems: Der Westen, der behauptet, er wolle alle Kulturen respektieren, mobilisiert sich nur angesichts der Verletzung von Werten, die er als grundlegend betrachtet; im Blick auf den Islam ist das der Fall bei der Beschneidung der Frau und der Situation der Frau im allgemeinen. Auch die Idee der Toleranz, die sich schrittweise im Westen durchgesetzt hat, muß man in diesem Problembereich sehen, weil sich diese Idee zu einer gefährlichen Einstellung entwickelt hat, daß der, der anders ist, deshalb mehr Rechte hat und fast mehr Schutz genießt. Diese Denkweise beeinflußt auch unsere Frage, weil man irrtümlicherweise die Minderheitssituation des Islam im Westen und die benachteiligte Situation der islamischen Einwanderer projiziert auf das, was dort geschieht, wo der Islam in der Mehrheit oder sogar Staatsreligion ist.

 

Der Westen scheint fast ein Schuldgefühl zu haben gegenüber den Ländern der Dritten Welt...

Das ist eine der Tendenzen, die mir Sorge bereitet: Es gibt eine systematische Selbstkritik, die bis zum Masochismus reicht und die westliche Gesellschaft zersetzt. Ich nenne das den "Meaculpismus". In den Zeitungen finden wir alle möglichen Angriffe auf das Christentum, alle möglichen Verrücktheiten über die Religion und über die heiligsten Dinge unseres Galubens, aber niemand traut sich, dem zu widersprechen: Das ist eben die Meinungsfreiheit. Das gilt nicht, wenn etwas Abfälliges über die anderen großen Religionen geschrieben wird, im besonderen über den Islam und das Judentum: Dann laufen gleich alle zusammen, um aufzuschreien und Kritik zu üben.

 

Und trotzdem ist der Westen sehr vorsichtig, wenn es sich um Länder handelt, die im Blick auf die Wirtschaft wichtig sind.

Man braucht nur auf Saudi-Arabien zu schauen, ein Land, in dem die elementarsten Menschenrechte systematisch ignoriert werden, wozu selbst die großen Mächte nichts sagen. Allen Länder, Italien wie den Vereinigten Staaten, ist bekannt, daß in Saudi-Arabien das Arbeitsrecht den Grundsätzen der Menschlichkeit widerspricht. Sobald sie ankommen, wird ihnen der Paß abgenommen, und sie werden zu Sklaven, sie können aus dem Land nicht mehr heraus, wenn es ihnen nicht gestattet wird. Hin und wieder ereignet sich ein diplomatischer Zwischenfall, weil ein westlicher Arbeiter mißhandelt wurde, aber dann geht alles wieder seinen gewohnten Gang: Tatsache ist, daß unter den Ungerechtigkeiten vor allem die Arbeiter aus der Dritten Welt (aus den Philippinen und Sri Lanka an erster Stelle) zu leiden haben, und so sagt niemand etwas. Ich kann die Philippinen verstehen, weil das Geld von den Arbeitern in Saudi-Arabien die erste Quelle des Reichtums ihres Landes ist; doch was die westlichen Länder betrifft, so ist dieses Stillschweigen empörend. Es ist eine Amoral, die die arabischen Völker tief trifft; sie blicken heute auf den Westen mit einer Bewunderung, die man seit jeher Mächtigen entgegenbringt, aber zugleich auch mit Verachtung, weil sie sehen, daß der Westen keine Prinzipien ist.

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Interview mit Muhammad Sa’id al-Ashmawi

Unter den Bewohnern der Nil-Insel Zamalek, auf der sich zahlreiche Botschaften arabischer und muslimischer Länder in Kairo befinden, ist auch jemand mit Sonderbewachung, der seit 1980 in ständiger Begleitung von drei bewaffneten Polizeibeamten lebt, die seine Wohnung und sein Leben schützen. Muhammad Sa'id al-Ashmâwi ist ein "aufgeklärter" Richter, aber in das Innere seines Appartements, unglaublich voll mit Gegenständen aus dem einheimischen Antiquariat und mit westlichen Antiquitäten, dringt kein Tageslicht: Schwere Samtvorhänge verdecken die Fenster, um zu vermeiden, daß zusammen mit der Sonne auch die Kugeln muslimischer Fundamentalisten eindringen können, die sich seiner unbequemen Person entledigen möchten. Die Isolierung ist nicht so stark, daß er mit seinen Aktivitäten aufhört, denn - so sagt er - es ist besser sein eigenes Leben zu opfern, als zum Komplizen der Übermacht der "islamischen Ideologie" zu werden, wie er den Fundamentalismus nennt. Seine Werke in arabischer Sprache sind ins Englische übersetzt worden, wie Islam and Political Order, und oft hält er Vorlesungen an westlichen Universitäten, von Spanien bis zu den Vereinigten Staaten. Auf italienisch ist der Essay "Riflessione giuridica sul problema della 'codificazione' della shari'a" (Rechtliche Überlegungen zur Frage der 'Kodifikation' der Scharia) in dem Band Dibattito sull'applicazione della Shari'a (Debatte über die Anwendung der Scharia) erschienen, der vom Verlag der Stiftung Giovanni Agnelli 1995 veröffentlicht wurde. Seine Geschichte, die weniger bekannt ist als die des Schriftstellers Salman Rushdie, spielt sich in den vier Wänden seines Hauses ab, aber unter einem Schweigen wie in einem Gefängnis.

"Ich war Berater des Kairoer Gerichtshofs. Doch ich habe es vorgezogen, mich pensionieren zu lassen, weil der Justizminister, der auch für die Religionsangelegenheiten (Awqâf) zuständig ist, mich gezwungen hat, meine Aktivitäten aufzugeben. Die Regierung war mit meinen Gutachten nicht zufrieden. Es geht jedoch um eine Art politische Verfolgung. Sie wollten mir die Möglichkeit nehmen, die Menschen zu erreichen, obwohl sie nicht so weit gingen, mich zum Objekt einer fatwâ (ein formelles Urteil der islamischen Gelehrten, nach der Tradition des Islam; Anm. der Red.) und sich auf Drohungen beschränkten. Dennoch bin ich - auch im Ausland - ständig in Gefahr wegen der internationalen Entwicklung, zu der meine Versuche, neue Denkansätze im religiösen Bereich anzubieten, geführt haben."

 

Gibt es in Ägypten andere Intellektuelle, die in einer ähnlichen Situation leben wie Sie?

Nein. Wer versucht, irgendwelche Dogmen anzutasten, der flieht ins Ausland. Aus diesem Grunde ist mein Wirken ohne sichtbare Folgen geblieben, wenngleich viele Intellektuelle ausdrücklich oder indirekt darauf Bezug genommen haben. Sicher, wenn ich mich frei äußern könnte, ohne Druck von außen, könnte sich auch mein Schaffen ausweiten und Impulse zu einer Erneuerung und zu einer Wiederentdeckung der Religion und des Islam im besonderen geben. Übrigens liegt mir nichts daran, gegen die Regierung opponieren, obwohl ich ich weiterhin ein Problem bin, weil es nicht leicht ist, mich einzuordnen.

 

Glauben Sie, daß in den muslimischen Ländern ein stärkeres Bewußtsein für die Menschenrechte und die Religionsfreiheit wachsen kann?

Eine Entwicklung ist möglich, vorausgesetzt, daß man von dem, was ich die "islamische Ideologie" genannt habe zu einem "liberalen Islam" übergeht. Für die Ideologen hingegen kommen die islamischen Rechte vor denen anderer. Nach meiner Auffassung muß man alle auf der Grundlage der Menschenrechte schützen; aber wer etwas schreibt, was den Ideologen nicht genehm ist, wird sofort beschuldigt, er habe die "islamischen Rechte" verletzt. Was die Religionsfreiheit betrifft, so müßte sie respektiert werden und dürfte nicht unterdrückt werden, denn auch im Koran wird die volle Achtung der Glaubensfreiheit bekräftigt. Andere haben versucht, eine Tradition zu konstruieren, die nicht auf dem Koran basiert. Das Ergebnis ist, daß sich nicht Religion und Gemeinschaft miteinander identifiziert haben, sondern daß sich Religion und Staat miteinander verbunden haben, und das hat zu einem Konflikt zwischen der islamischen Gemeinschaft und dem Staat geführt. Dennoch fährt die Regierung fort, statt dem Volk die Realität vor Augen zu stellen, jene zu unterstützen, die sich aus Unwissenheit von solchen falschen Anschauungen haben begeistern lassen. Der Idee eines "liberalen Islam" wurde vorgeworfen, sie führe zum Atheismus und zu einer Säkularisierung, doch das ist falsch. Ich bin Muslim, fühle mich dem Sufismus verbunden und glaube, daß die Religion eine Zukunft hat, nicht im Sinne eines mechanischen Verständnisses ihrer Botschaft, sondern auf dem Wege der Einswerdung unter den Menschen. Auch die Position der "dhimmi", also der Völker der jüdischen und christlichen Religion, die seitens der islamischen Mehrheit das Recht implizierte, diese zu schützen, ist vom Konzept her von dem der Staatsbürgerschaft überholt worden. Da aber im Koran von Staatsbürgerschaft nicht die Rede ist, weil es zur damaligen Zeit diesen Staatsbegriff nicht gab, versucht die Umma (die muslimische Gemeinschaft; Anm. der Red.) den Staat zu zerstören, ohne irgend etwas zu haben, womit man ihn ersetzen kann. Das geschieht auch im Westen, wo die Muslime sich nie als Bürger des Staates fühlen werden, es sei denn sie änderten ihre Mentalität.

 

Ist das nach Ihrer Meinung auch einer der Gründe, die zur Solidarität und Unterstützung mit Finanzmitteln und Waffen der muslimischen Länder führen anläßlich der Konflikte auf dem Balkan, wo der letzte, der im Kosovo, noch nicht ausgestanden ist?

Sicherlich. Die Muslime fühlen sich bedroht, weil sie eine Stammesmentalität haben. Wenn sie global denken würden, dann würden sie sich als Bürger eines Staates fühlen, ohne eine Herabsetzung ihrer Autorität zu empfinden. Tatsache ist, daß der Fanatismus heute zu einer Mode geworden ist, und die Lehre des Islam wird von militanten Extremisten beherrscht. Die Muslime wollen nicht lernen, aber das ist eine widersprüchliche Haltung: Die Lösung bleibt die, den kritischen und forschenden Geist wiederzuentdecken. Soll der Glaube vital sein, so muß er mit den Herzen der Menschen verbunden sein.

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