Kirche in Not - Italienisches Sekretariat

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Die Religionsfreiheit in den Ländern mit überwiegend islamischer Bevölkerung
Bericht 1998


Algerien

Bevölkerung: 29.476.000
Religionszugehörigkeit: Islam 99,5%; Christen 0,5%
Katholiken: 2.500
Diözesen: Algier - 1.000; Constantine - 300; Oran - 600; Laghouat - 600


Obwohl der Islam die Staatsreligion ist und der Kandidat für das Präsidentenamt der Republik laut Verfassung aus dem Jahre 1976 (dann modifiziert im Jahre 1980) ein Muslim sein muß, rückte die islamistische Bewegung in Algerien seit Anfang der achtziger Jahre ins Blickfeld der Weltöffentlichkeit. Damals beschloß sie, aus dem Untergrund herauszukommen, in den sie FLN (Nationale Befreiungsfront) gezwungen hatte, jene Partei, die Erbe der Bewegung ist, die das Land in die Unabhängigkeit führte. In Wirklichkeit blickt die islamistische Bewegung in Algerien auf eine viel längere Geschichte zurück. Bereits 1931 war durch das Wirken von Scheich Abdulhamid Ben Badis die Vereinigung der Ulema entstanden, die zu den politisch-kulturellen Hauptakteuren für die Verbreitung des sogenannten Reform-Islam gehörte.

Auf Ersuchen der FLN verbündete sich die algerische islamische Bewegung im Jahre 1956 mit den Kräften, die am Krieg für die Unabhängigkeit des Landes teilnahmen. Nachdem das Hauptziel des Krieges einmal erreicht war, als der unabhängige Staat Algerien entstanden war, widersetzten sich die Islamisten der politischen Linie der Regierung, die auf pan-arabischen und laizistisch-sozialistischen Elementen beruhte. Einige Vereinigungen, wie die Al-Qiyam (Die Revolte), die 1964 gegründet worden war, versuchten von der Zeit an, das Überleben der islamischen Tradition sicherzustellen, zumindest im kulturellen Bereich. Dabei gerieten sie jedoch fast sofort in Konflikt mit dem Regime, das auf verschiedene Weise deren Aktivitäten bekämpfte (Al-Qiyam wurde 1966 aufgelöst). Parallel dazu machte sich die FLN zum Befürworter eines Staatsislam - nicht zuletzt durch die Aktivitäten eines Ministeriums, das sich ausdrücklich mit "Religionsangelegenheiten" befaßte. Es gelang ihr jedoch nicht, der stärker werdenden islamistischen Bewegung Einhalt zu gebieten, die sich der Idee des laizistischen Staates radikal widersetzte. Das zunehmende Ansehen der Islamisten ist ferner durch die schweren wirtschaftlichen und sozialen Schwierigkeiten zu erklären, die das Land erschütterten, und durch das Scheitern der Wirtschaftspolitik der Regierung. Seit Herbst 1981 (Besetzung der Moschee in Laghouat) nahm die Konfrontation zwischen den Islamisten und der Regierung der FLN schrittweise an Härte und Gewalttätigkeit zu. Gleichzeitig verschlechterte sich im Laufe der achtziger Jahre die wirtschaftliche Lage Algeriens. Im Innern der Institutionen kam eine weitverbreitete Korruption ans Licht, und die ideologischen Leitbilder des Regimes erwiesen sich als nicht mehr tragfähig, um eine Antwort auf die wachsende Not im Lande zu geben. Im Oktober 1988 kam es zu den ersten Volksaufständen, in denen die Islamisten an vorderster Front mitmarschierten und unter ihren militanten Anhängern schwere Verluste erlitten (80 Tote). Die Regierung versuchte, einen Dialog mit den Scheichs anzubahnen, die an der Spitze der islamistischen Bewegung standen: Eine neue Verfassung wurde verabschiedet, die den Weg für ein Mehrparteiensystem bahnte. Die FIS (Islamische Heilsfront) wurde offiziell anerkannt. Im Juni 1990 erhielt die FIS bei den Kommunal- und Regionalwahlen 55 Prozent der Stimmen und eroberte die wichtigsten Städte im Lande: Algier, Oran usw. Im Jahre 1992 kam es bei den politischen Wahlen zu einer weiteren sensationellen Bestätigung der FIS, doch dieses Wahlergebnis wurde in all seinen Auswirkungen durch das Militär annulliert: Damit begann der blutige Bürgerkrieg, der noch heute andauert und bereits mehrere zigtausend Opfer gefordert hat.

Religiöse Verfolgungen:

Das Problem der Religionsfreiheit in Algerien reicht zurück ins Jahr 1962, als mit der Unabhängigkeit des Landes der Islam zur Staatsreligion wurde: Seither wurden viele Kirchen in Moscheen umgewandelt; die Christen dürfen ihre eigene religiöse Identität nicht in der Öffentlichkeit bezeugen, wenngleich der Import und die Verbreitung von Bibeln und anderem christlichen Schrifttum toleriert wird. 1978 wurde der bischöfliche Vikar von Algier, Msgr. Gaston Jacquier, in der Stadt ermordet, vermutlich nur deshalb, weil er nach draußen gegangen war und dabei offen sein Brustkreuz getragen hatte.

Am hellichten Tag des 8. Mai 1994 wurden der 64jährige Pater Henri Vergès und die 67jährige Ordensschwester Paule-Hélène Saint-Raymond getötet, als sie aus der katholischen Bibliothek kamen, wo sie für junge Menschen ihren Dienst taten. Die Bibliothek, die vom Erzbischof von Algier gestiftet wurde, befindet sich in der Kasbah; dort finden Schüler Hilfe bei den Hausaufgaben, da werden Informatikkurse organisiert und wird auch dafür gesorgt, daß dringend nötige Sachen an die Ärmsten verteilt werden.

In der Stadt Kabyli in Tizi Ouzo wurden am 27. Dezember 1994 vier Missionare der Weißen Väter (drei Franzosen und ein Belgier) brutal getötet.

Am Sonntag, dem 3. September 1995, wurden zwei Ordensschwestern in Algier ermordet: Schwester Bibiane Leclerc und Schwester Angèle-Marie Littlejohn, die eine war 65 Jahre alt und die andere 62; beide lebten seit 1964 in Algier.

Msgr. Pierre Claverie, der Bischof von Oran, wurde am 1. August 1996 zusammen mit seinem Chauffeur Muhammed Pouchikhi durch ein Bombenattentat getötet. Pierre Claverie hatte sein Leben dem Dialog zwischen Islam und Christentum gewidmet. Er war bekannt als "Bischof der Muslime" und hatte den Islam sehr gründlich studiert, so daß selbst Muslime ihn auf dem Gebiet um Rat ersuchten, wie in der englischen Tageszeitung The Tablet vom 10. August 1996 zu lesen ist. Nach Auskunft der algerischen Behörden wurden die unmittelbar für das Attentat Verantwortlichen bei einem Schußwechsel mit der Polizei einige Monate nach dem Anschlag getötet. Am 23. Mai 1998 endete der Prozeß gegen weitere mutmaßliche Komplizen mit der Todesstrafe für acht der Angeklagten. Die Verurteilten sollen zu einer islamistischen Aktivisten-Zelle gehört haben, die der Gruppe der eigentlichen Attentäter zur Seite gestanden haben soll. Nach einigen Experten jedoch bleiben bei dem Ganzen einige Zweifel: Ein algerischer Journalist erklärte, die Verurteilten hätten ihn wissen lassen, daß sie ihr Geständnis unter Folter abgelegt hätten. Nach Aussagen des italienischen Journalisten Maurizio Blondet, der von der Agentur Fides interviewt wurde, wird in katholischen Kreisen Algiers vermutet, daß die Regierung bei der Ermordung von Msgr. Claverie irgendwie ihre Hand im Spiel gehabt haben könnte.

In der Nacht vom 26. auf den 27. März 1996 wurden sieben Trappistenmönche französischer Abstammung in der Nähe ihres Klosters bei dem Dorf Tibhrine (ca. 95 Kilometer südlich der Hauptstadt) von der G.I.A. (Bewaffnete Islamische Gruppe) entführt. Nachdem sich die französische Regierung geweigert hatte, auf die Vorschläge und die von den Terroristen vorgetragenen Forderungen einzugehen, kündigte die G.I.A. ihre Hinrichtung an. Am 21. Mai 1996 fand man die enthaupteten Leichen der sieben Ordensmänner. Weitere sieben Ordensmänner wurden in den Gassen der Kasbah in Bab el-Qued mit Schußwaffen getötet.

Der ugandische Erzbischof Augustine Kasujja, der am 25. September 1998 als Vertreter des Heiligen Stuhls zur Bischofsweihe von Alphonse Georger, dem Nachfolger von Msgr. Pierre Claverie, in Oran eintraf, erklärte, daß er seine eigene Ernennung zum Apostolischen Nuntius als ein Zeichen der Hoffnung für den afrikanischen Kontinent sehe, dessen Bewohner die Verantwortung für die Evangelisierung Afrikas auf sich nehmen müßten.