Kirche in Not - Italienisches Sekretariat

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Die Religionsfreiheit in den Ländern mit überwiegend islamischer Bevölkerung
Bericht 1998


Libyen

Bevölkerung: 5.648.000
Religionszugehörigkeit: Islam 97%
Katholiken: 50.000
Apostolisches Vikariat: Bengasi - 10.000; Tripolis, Derna und Misurata - 40.000


Libyen wurde 1951 ein unabhängiger Staat gemäß einer vorausgehenden Verfügung der UNO; der neue Staat unter König Idris al Sanussi hatte anfänglich die Form einer konstitutionellen Monarchie. 1969 führte ein Militärputsch unter Führung von Moamar al-Gaddafi und ideologisch inspiriert am arabischen Nationalismus nasserischer Prägung zur Absetzung der Monarchie; es wurde ein Regime errichtet, das noch heute an der Macht ist. Während der siebziger Jahre erarbeitete Gaddafi, der sich mit der stärker werdenden islamistischen Bewegung auseinanderzusetzen mußte, eine eigene Ideologie, in der er versuchte, den Islamismus, den arabischen Nationalismus und den Sozialismus miteinander zu verbinden. Der Versuch, einen Staatsislam als Bollwerk gegen die radikalen Bewegungen zu errichten, hatte jedoch nur einen begrenzten Erfolg.

!977 proklamierte Gaddafi die Errichtung der Sozialistischen Libysch-Arabischen Volks-Jamahiriya (arabisch = "Massenstaat"). Auf die Umbenennung des libyschen Staates folgte im Jahr danach die Proklamation der "Islamischen Revolution", ein Schlüssel der Wende in der Ideologie Gaddafis. Diese Revolution hatte als Hauptziel eine entscheidende Beschneidung der Macht der Ulema, in deren Umfeld sich die Kräfte des radikalen Islam organisierten. Auf der einen Seite wurden die religiösen Besitztümer verstaatlicht, auf der anderen wurde festgelegt, daß nur der Koran die Quelle des muslimischen Glaubens bildet, während die 'Überlieferung' (sunna) und die Worte des Propheten (hadith) für die Gesetzgebung keinen Stellenwert haben. In diesem Reformwerk des Islam wurde festgelegt, daß die Pilgerschaft nach Mekka nicht eine der Säulen des Glaubens ist. Auch das traditionelle Datum des Beginns der islamischen Zeitrechnung wurde geändert: Es ist nicht mehr die Hedschra (622), sondern das Todesjahr Mohammeds (632). Dies bedeutet nicht, daß das Grüne Buch - das als Modell des "menschlichen Gesetzes" die Verfassung ersetzt - ohne Verweise auf den Koran sei, obwohl er darin nie ausdrücklich zitiert wird. In der Proklamation 1977, mit der "die Macht des Volkes" errichtet wurde, wird bekräftigt, daß "das einzige Gesetz der Sozialistischen Libysch-Arabischen Volks-Jamahiriya der Heilige Koran ist".

Die Reaktion der Ulema ließ nicht auf sich warten: Diese Neuerungen wurden als verabscheuungswert und häretisch erklärt. Bis zum Ende der siebziger Jahre nahmen sie die Agitationen in den Moscheen wieder auf, die in den ersten Jahren des darauffolgenden Jahrzehnts in offenen Protest einmündeten. Auf den Tod des Scheichs al-Bishti, der in Tripolitanien sehr populär und dem libyschen Regime gegenüber extrem kritisch war (al-Bshti starb im Gefängnis, nachdem er Mißhandlungen ausgesetzt gewesen war), folgte die zwangsweise Schließung und Zerstörung von Moscheen, die als gefährlich betrachtet wurden. Die strenge Kontrolle, die über die Moscheen ausgeübt wurde, und die äußerst harte Unterdrückung aller islamistischen Strömungen bilden einen Widerspruch zur Akzentuierung des Staatsislams und der mit ihm verbundenen Organisationen. Die nichtstaatlichen islamischen Organisationen werden verfolgt, worauf der Bericht von Amnesty International 1998 hinweist, der über fünf Männer berichtet, die zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt wurden und seit 1973 im Gefängnis sind, weil sie angeklagt wurden, der Partei der Islamischen Befreiung anzugehören. Rashid 'Abd al-Hamid al-'urfia ist seit 1982 in Haft, weil er im Verdacht steht, der Gründer einer islamischen Oppositionsgruppierung zu sein. Von zahlreichen anderen, die wegen ähnlicher Anklagen im Gefängnis sind, ist der Ort des Gefängnisses unbekannt.

Die Situation der religiösen Minderheiten in Libyen ist natürlich nicht leicht. Der größte Teil der christlichen Kirchen wurde nach der Revolution 1969 geschlossen, obwohl die Verfassung dem Wortlaut nach die Religionsfreiheit garantiert. Nachdem Gaddafi die katholischen Italiener und Malteser vertrieben hatte, wandelte er die Kathedrale der Hauptstadt in eine Moschee um.

1986 verhaftete das Regime den katholischen Bischof von Tripolis, den Franziskaner Giovanni Martinelli, und brachte ihn für zehn Tage ins Gefängnis, zusammen mit drei Priestern und einer Ordensfrau; von vielen wurde dies als ein Akt der Rache gewertet angesichts der offiziellen Begegnung zwischen Johannes Paul II. und dem Rabbiner von Rom. Seit Anfang der achtziger Jahre verbesserten sich die Beziehungen zwischen dem libyschen Staat und dem Heiligen Stuhl schrittweise, so daß im Februar 1998 die diplomatischen Beziehungen neu aufgenommen wurden.