Kirche in Not - Italienisches Sekretariat

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Die Religionsfreiheit in den Ländern mit überwiegend islamischer Bevölkerung
Bericht 1998


Marokko

Bevölkerung: 27.225.000
Religionszugehörigkeit: Islam 98,7%; Christentum 1,1%
Katholiken: 23.266
Diözesen: Rabat - 21.000; Tanger 2.266


Der Islam ist Staatsreligion, aber nach Artikel 6 der Verfassung gibt es Freiheit der Religionsausübung für Christen und Juden, denen jedoch jede Missionierungstätigkeit strafrechtlich verboten ist; ebenso ist die Konversion vom Islam streng untersagt. Der König trägt den Titel Amir al Mouminin ("Befehlshaber der Gläubigen") und hat nach Artikel 19 der Verfassung die Aufgabe, darüber zu wachen, daß der Islam respektiert wird. Der gegenwärtige König Hassan II. erklärt sich zum direkten Nachfahren Mohammeds. In der Realität erleiden die Christen Verfolgungen, den Verlust des Arbeitsplatzes und in einigen Fällen Gefängnis.

Kathpress vom 21. Januar 1994 machte die Geschichte eines 29jährigen Marokkaners publik, der zu drei Jahren Kerker verurteilt wurde, weil er sich zum Christentum bekehrt hatte. Mustafa Zemanda wurde mit 18 weiteren Personen verhaftet, weil er per Post christliches Schrifttum erhalten hatte. Während die anderen Mitangeklagten eine Erklärung unterzeichneten, die sie daran hinderte, im irgendeiner Form in der Zukunft ähnliche Post zu empfangen, wodurch sie freikamen, wurde Zemanda, ein Protestant, nachdem er sich geweigert hatte zu unterschreiben, nach den Artikeln 220 - 221 des marokkanischen Strafgesetzbuches verurteilt, obwohl der Paragraph 6 der Verfassung bekräftigt, daß der Islam Staatsreligion ist, aber die Freiheit der anderen Religionen garantiert wird.

Dieselbe Quelle, informierte, genau ein Jahr später, daß in Teutan ein Musiker aus El Salvador verurteilt wurde, weil er einen Muslim zur Konversion zum Christentum angeregt hatte. Die drei Christen, die in Marokko verhaftet worden waren, weil sie Versuche der Bekehrung zum Christentum unternommen hatten, sind wieder frei. Wie die Menschenrechtsorganisation Christian Solidarity International berichtet, geschah die Freilassung des iberoamerikanischen Musikers Gilberto Orellana aufgrund der internationalen Mobilisierung. Orellana, der einem baptistischen Bekenntnis angehört und ursprünglich Dirigent des Staatlichen Symphonieorchesters von Zentralamerika war, lehrte seit 1992 am Konservatorium von Teutan. Am 5. Januar 1995 wurde er zu einer Freiheitstrafe verurteilt, weil er einem Muslimen veranlaßt hatte, sich zum Christentum zu bekehren. Orellana widersetzte sich den Anklagen, sein Haus wurde durchsucht, und die Polizei fand Bibeln und christliche Publikationen. Sein Gesundheitszustand war sehr schlecht, weil die Haftbedingungen in den marokkanischen Kerkern sehr hart sind. Mit ihm sind fünf Marokkaner verhaftet worden, die angeklagt wurden, daß sie seinem Einfluß nachgegeben hätten. Drei von ihnen wurden freigelassen, nachdem sie dem christlichen Glauben abgeschworen hatten; die beiden anderen wurden zu acht Monaten Gefängnis verurteilt, aber dann freigelassen. Die Situation bleibt in jedem Fall risikoreich, denn man fürchtet den sozialen Druck der muslimischen Nachbarn.

Marokko ist fast gänzlich muslimisch, die Christen sind ca. 300.000 auf gut 27 Millionen Einwohner.

Offene Grenzen berichtete im April 1995, daß die marokkanische Verfassung die Freiheit der Religionsausübung garantiere, aber daß die Gläubigen vor Ort mit erheblichen Schwierigkeiten zu kämpfen hätten. Sechs Christen wurden verhaftet, weil sie sich in einer Wohnung versammelt hatten. Im Laufe des Verhörs leugneten drei von ihnen ihr Glaubensbekenntnis, die anderen bekamen acht bis zwölf Monate Gefängnis. Dank des internationalen Drucks wurden sie freigelassen. Eine französische Gruppe versuchte, den wenigen Christen, die verstreut in Marokko leben, etwas Ermutigung zu bringen. Das ist ihr Bericht, mit geänderten Namen:

Ahmed wohnte in einem Dorf im Atlas-Gebirge und suchte wie viele Marokkaner nach dem Sinn des Lebens, als er mit einem Bibelkurs begann. Dann wurde er blind und unterbrach den Kurs. Er reiste nach Europa, um die Braille-Schrift und den Beruf als Telefonist zu lernen. In diesen beiden Monaten sprach niemand mit ihm über das Evangelium. Als er nach Marokko zurückgekehrt war, landete er wegen eines Streits in einer Gaststätte im Gefängnis. Einer seiner Zellenkameraden war Christ und wegen seines Glaubens zu sechs Monaten Haft verurteilt worden. Ahmed bekehrte sich und kam als neuer Mensch aus dem Gefängnis heraus: Er hörte Audiocassetten, las Bücher in Blindenschrift und war ein froher Mensch. Als die Polizei entdeckte, daß er Christ war und seinen Glauben nicht leugnen wollte, beschlagnahmte sie die Bücher in seiner Wohnung und brachte ihn in eine 350 Kilometer entfernte Stadt. Ahmed wurde zwei Tage lang verhört, und auf ihn wurde starker pschychischer Druck ausgeübt; die Polizei suchte überall nach jemandem, der die Texte in Braille lesen konnte. Jetzt ist Ahmed als freier Mann zurückgekehrt, allerdings ohne seine Bücher.

Aisha ist eine 30jährige Marokkanerin. Ihr Vater war eine hochangesehene Persönlichkeit, ein direkter Nachkomme Mohammeds. Von daher war sie eine Ururenkelin des Gründers des Islam. Gläubig und gewissenhaft praktizierte sie den Islam, bis ihr ein Zweifel kam, "warum Gott will, daß ich heilig bin, wenn ich überhaupt nicht dazu fähig bin". Jemand gab ihr eine Bibel, und sogleich fühlte sie sich entfremdet bzw. angezogen von den zwei verschiedenen Glauben. Schließlich bekehrte sie sich zum Christentum. Die Probleme begannen in der Schule, wo sie Arabisch und den Koran lehrte. Vier ihrer Schülerinnen waren Christinnen, und die anderen hatten starke Zweifel hinsichtlich des Koran. Als ihre Überzeugung entdeckt worden waren, verbrachte der Rektor 14 Tage in ihrer Klasse und kontrollierte sie aufmerksam: Beim ersten kleinen Fehler wurde sie entlassen. Jetzt hat sich ihre Situation normalisiert, und ihre Kollegen haben ihre andere Art, die Dinge zu sehen, akzeptiert.

Im Juni 1997 fand in Rabat die dritte Zusammenkunft des islamisch-katholischen Verbindungskomitees statt, auf der Themen wie die Rechte der Minderheiten und die Frage, wie die Christen und Muslime übereinander sprechen, behandelt wurden. Die Teilnehmer bekräftigten ihren aufrichtigen Wunsch, zur Überwindung der Schwierigkeiten beizutragen und einer aktiveren Zusammenarbeit die Wege zu ebnen.

Die Regierung ist dabei, Maßnahmen zu ergreifen gegen islamistische Studenten, die die Universitäten besetzen und deren Betrieb behindern. Eine der Maßnahmen wird die Zugangsbeschränkung zu den Fakultäten sein, wobei eine gründlichere Kontrolle gefordert wird. 37 Studenten wurden verhaftet, einige bereits zu Freiheitsstrafen von einem oder zwei Jahren verurteilt. Die Universitäten wurden 1998 über längere Zeit von Fundamentalisten blockiert, die bessere Transportmöglichkeiten und Unterbringung für die Studenten von außerhalb forderten.

Fides informiert, daß eine Gruppe von 29 spanischen Priestern der Einladung des Erzbischofs von Tanger, des Franziskaners Msgr. José Antonio Peteiro Freire, gefolgt ist und vom 2. bis 9. September 1998 an einem Kongreß zum Thema "Maghreb und Islam" teilgenommen hat. Die Begegnung wurde veranstaltet in Zusammenarbeit mit dem Sekretär der Seelsorge für Einwanderer und Nomaden in Barcellona, P. Ignasi Marqués Rodrìgues, um den Priestern zu helfen, die vielen eingewanderten armen Marokkaner, die in Spanien leben und sich an die Aufnahme-Zentren wenden, besser zu verstehen und ihnen beizustehen. Begleitet vom Erzbischof von Tanger und vom Pfarrer von Althoceima, Enric Enguix, besuchten die spanischen Priester Tetuan, Asilah, Larache, Ksar-el-Kebir, Meknes und Fes. Im Laufe ihres Besuchs begegneten die Priester einheimischen Professoren und konnten die Sozialarbeit von Ordensfrauen, Priestern und Laien sehen: Schulen für die Alphabetisierung, Kleiderkammern, Kindergärten, Heime für alte Menschen und Behinderte.

Getreu den Lehren des hl. Franz von Assisi erläuterte der Erzbischof von Tanger, daß "wir mit den Muslimen zusammenleben, ohne sie zu bedrängen, die Religion zu wechseln". "Eine Präsenz der Kirche sein in einem offiziell muslimischen Land, in dem die Verkündigung anderer Bekenntnisse verboten ist": Das ist die Herausforderung der Kirche in Marokko, "das Evangelium unter den Muslimen zu leben". Der Horizont der Mission im Maghreb, so weiter Msgr. Peteiro Freire, sei nicht so sehr die "plantatio ecclesiae" (Einpflanzung der Kirche), sondern der Dienst am Reich Gottes, "das sich schrittweise verwirklicht, in dem Maße, wie die Menschen lernen, einander zu lieben, einander zu verzeihen und sich gegenseitig zu dienen".