Kirche in Not - Italienisches Sekretariat

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Die Religionsfreiheit in den Ländern mit überwiegend islamischer Bevölkerung
Bericht 1998


Türkei

Bevölkerung: 63.528.000
Religion: Isam 99,8% (80% Sunniten, 19,8% Schiiten); Christentum 0,2%
Katholiken: 28.575
Apostolisches Vikariat: Anatolien - 5.000; Istanbul - 15.000; Patriarchales Exarchat der Syrer - 2.110; Diözesen: Istanbul/Konstantinopel der Armenier - 3.670; Apostolisches Exarchat für die Katholiken des byzantinischen Ritus - 45; Chaldäer: Diyarbakir/Amida der Chaldäer - 1.500; Lateiner: Diözese: Izmir - 1.250


 

Seit 1928 ist der Islam in der Türkei nicht mehr Staatsreligion. Laut Verfassung der türkischen Republik hat jeder das Recht auf Gewissensfreiheit und die Wahl eines religiösen Bekenntnisses; die Feiern und Gottesdienste können frei abgehalten werden; niemand darf gezwungen werden, an Gottesdiensten teilzunehmen, oder wegen seines Bekenntnisses und seiner Überzeugungen angeklagt werden. Bildung, Religionsunterricht und Ethik unterliegen der Kontrolle des Staates und sind Pflichtfächer in den Grund- und Mittelschulen. Eine andere Art religiöser Unterweisung ist dem Wunsch des einzelnen überlassen, im Falle von Minderjährigen dem Antrag seiner gesetzlichen Vertreter. Vor kurzem hat die Regierung Maßnahmen zugestimmt, die den vom Staat finanzierten Islam-Unterricht unterbinden sollen; Fes (rote Filzkappe) und Schleier wurden verboten; man entschied sich für das lateinische Alphabet und die Abschaffung des arabischen.

Niemandem ist es gestattet, Gefühle oder Dinge, die für heilig gehalten werden, durch persönliche oder politische Einflußnahme auszunutzen oder zu mißbrauchen oder auch nur ansatzweise die soziale, wirtschaftliche, politische und rechtliche Grundordnung auf religiöse Lehren zu basieren. Das Leben für die Gläubigen ist nicht leicht; es sind Gewalttaten zu verzeichnen und Inhaftierungen aus Haß gegen den Glauben; die Evangelisierung wird behindert, weil die Christen den armenischen Terroristen und den Zeugen Jehovas gleichgesetzt werden. 1996 kam Erbakan an die Regierung, zum ersten Mal ein Muslim, aber seine Regierung scheiterte 1997; ihm folgte Mesut Ylmaz, dem das Parlament im November 1998 das Mißtrauen aussprach.

Die Gemeinschaften der Minderheiten haben mit Herausforderungen und Beschränkungen zu kämpfen, die - wie im Falle der Muslime - die religiösen Praktiken und Traditionen betreffen. Die Religionen der Minderheiten, die nicht vom Frieden in Lausanne im Jahre 1923 anerkannt sind, dürfen beispielsweise keine Güter erwerben, um ihre Religion ausüben zu können. Aber auch die anerkannten Gemeinschaften werden behindert, beispielsweise durch das Verbot, eigene Räumlichkeiten zu benutzen: Das gilt für das Seminar von Halki des Ökumenischen Patriarchen wie für das Seminar vom Heiligen Kreuz der Apostolisch-orthodoxen armenischen Kirche, die beide 1971 geschlossen wurden. In anderen Fällen wurde Besitz religiöser Gemeinschaften vom Staat beschlagnahmt, ohne daß ihnen dafür irgendein Ausgleich zuerkannt worden wäre. Schwierig, wenn nicht gar unmöglich ist es, Genehmigungen für neue Gotteshäuser oder zur Restaurierung bestehender Kirchen zu bekommen.

Obwohl die Missionierung formell nicht verboten ist, wurden in der Türkei militante Muslime und evangelische Christen unter dem Vorwand verhaftet, daß die öffentliche Bekundung ihrer Religion Probleme für den Frieden geschaffen habe. Im März 1998 wurden acht Bürger der Vereinigten Staaten verhaftet, weil sie in den Straßen der Stadt Eskesehir Exemplare des Neuen Testaments verteilt hatten.

Einige Muslime, von der türkischen Regierung als "Extremisten" bezeichnet, wurden Opfer von Diskriminierungen. Die Teilnahme am politischen Leben kann eingeschränkt werden, wie es passiert ist durch die Unterdrückung der islamischen Wohlfahrtspartei (Refah) zu Beginn des Jahres 1998 und durch die Verurteilungen und Verbote jüngeren Datums, die den Bürgermeister von Istanbul Erdogan trafen. Praktizierenden Muslimen wird nicht nur gelegentlich die Stellung gekündigt, und sie werden degradiert oder aus der Armee ausgestoßen und politisch ins Abseits gedrängt.

Dennoch ist die Mehrheit des Volkes muslimisch, mit einer Tendenz der Rückkehr zum strengsten Islamismus, der in den Vorfällen der Intoleranz gegenüber den Christen zutage tritt. Ein altes christlich-assyrisches Ehepaar - das letzte, das in Mzizah, nahe Midyat, geblieben war, in Erwartung der Übersiedlung in den Südosten der Türkei, wie alle anderen derselben Religion - wurde in seiner Wohnung niedergemetzelt. In Tur Abdin leben heute 2300 syrisch-orthodoxe Christen: Vor weniger als 40 Jahren waren es 150.000. Die KNA vom 30. September 1997 und Menschenrechte (Novemver-Dezember 1997) bringen die Nachricht, daß ein Appell lanciert wurde, damit sich ein Ort finde, wo dieses Volk, das einzige, das noch aramäisch spricht, die Sprache Jesu Christi, ohne Übergriffe und Gewalttaten sein eigenes Leben führen kann.

Am 12. Januar 1998 wurde nach Informationen von Ecumenical News International ein griechisch-orthodoxer Sakristan im Innern der Kirche Agios Therapontas, einer der ältesten Kirchen, aus der Ikonen und Wertgegenstände gestohlen wurden, tot aufgefunden. Die türkische Regierung, der vorgeworfen wird, sie tue nichts zur Prävention, weist jede Verantwortung von sich. Am 3. Dezember 1997 hatte eine Bombe das Hauptquartier des Ökumenischen Patriarchen getroffen, wobei ein Diakon verletzt wurde und Schäden an der Kirche entstanden. Die islamischen Fundamentalisten, die keine christlichen Kultstätten in der Stadt wollen, werden der Tat bezichtigt, wenngleich es keine eindeutigen Beweise ihrer Verantwortung für den Anschlag auf den griechischen Staatsbürger gibt.

Am 22. Januar 1998 waren nach einem Bericht von Droits de l'homme sans frontières die aus dem Norden des Irak stammenden chaldäischen Christen Ziel einer Welle von Verhaftungen, von der ca. 5000 Personen betroffen waren. Die Flüchtlinge, deren Zahl nicht bekannt ist und zu denen auch Kurden gehören, hatten zum größten Teil ihren Wohnsitz in Istanbul, aber auch in anderen Regionen des Landes. Alle Polizeikräfte sollen Anweisungen erhalten haben, die Flüchtlinge festzunehmen und sie zur Grenze zu schicken. Das würde bedeuten, daß sie in ein Massaker geschickt werden in einem Land, aus dem sie zur Zeit des Golfkrieges geflüchtet sind.

Nach Informationen der Agence de Presse Internationale Catholique in Fribourg in der Schweiz wurden in der Nacht vom 30. auf den 31. März 1998 auf dem christlichen Friedhof Sankt Eleuterius über 72 Gräber geschändet. 15 Gräber wurden geöffnet und die Knochen ringsum verstreut. Die Christen in Istanbul sind unter den 15 Mio. Muslimen eine ganz kleine Minderheit. Vor der Tötung des Sakristans und der Bombe im Dezember hatte es andere Attentate gegeben, eines 1996 und zwei Zeitbomben im Jahre 1994, die vor der Explosion im Hof des Patriarchats gefunden wurden.

Beim dritten Kongreß des islamischen Rates von Eurasien, so informiert die Agentur Fides hat der Referent, der für die Koordinierung der religiösen Angelegenheiten in der Türkei verantwortlich ist, das Christentum als eine Bedrohung bezeichnet und darauf hingewiesen, daß missionarische Aktivitäten notwendig seien, um einem Anwachsen dieser Religion zuvorzukommen.

Im Blick auf die Anfrage, daß die Türkei eines der Pilgerziele des Heiligen Jahres wird, wird sich die Regierung dieses Staates auch mit der Situation der Christen in ihrem Land auseinandersetzen müssen. Abgesehen von den 20.000 Getauften leben dort tatsächlich 4,5 Mio. Christen anonym. Msgr. Ruggero Franceschini, der seit 11 Jahren in der Türkei ist, erklärte in einem Interview mit der Zeitung Avvenire am 11. August 1998, daß es 8000 Lateiner gibt, 100.000 syrisch-katholische, ebenso viele Orthodoxe, die von Damaskus abhängen, 400.000 Armenier und 150.000 russisch-orthodoxe Immigranten. Die Christen haben keinen Zugang zum Parlament und auch nicht zu einer Karriere im Militär. Die Gefahr des Fundamentalismus besteht wegen der Integralisten, die unerbittlich auf einen Nationalismus drängen. Eine positive Nachricht ist, daß nach vielen Jahren endlich in Anatolien ein katholischer Bischof eingesetzt worden ist.

Human rights without frontiers vom 3. September 1998 informiert, daß der türkische Innenminister einen Versuch unternommen hat, den gegenwärtigen Patriarchen Mutafyan der Apostolisch-orthodoxen armenischen Kirche zu entmachten und ihn durch einen Führer seiner Wahl zu ersetzen. Der Staat hatte den 65.000 Armeniern verboten, einen neuen Patriarchen zu wählen bis zum Tod des Vorgängers, der am 10. März verstarb, und wollte einen eigenen Kandidaten, Sivacyian, durchsetzen.

Inzwischen gehen die Gewalttaten gegen die Christen weiter: Am 26. November 1998 wurde in der Nähe des Dorfes Besbin im Südosten der Türkei der 60jährige Hirte Hannah Atekti ermordet, als er seine Herde hütete. Mit ihm entschlief das letzte christliche Familienoberhaupt dieses Ortes, denn der Schwager Isa Karakut, der die Nachricht Droits de l'homme sans frontières mitteilte, flüchtete 1995 nach Belgien wegen der Morddrohungen von Muslimen. Im Dorf sind nur seine 27jährige Frau Kitane Atekti und ihre beiden Kinder Ziver und Verine Karakut geblieben, die 7 bzw. 5 Jahre alt sind. Es sind tatsächlich die Männer, die das Hauptziel der religiösen Feindseligkeit der Nachbarn bilden. Die Frau wollte bei ihrer Familie bleiben, um ihre Eltern zu versorgen und die Kinder zu hüten, die noch zu klein sind, um die Erschwernisse einer Auswanderung auf sich zu nehmen. Auch Karakul, der von den belgischen Behörden kein Asylrecht erhält, könnte schon bald gezwungen sein, in sein Heimatland zurückzukehren.

Seit Beginn der neunziger Jahre flüchteten Tausende Christen des chaldäischen Ritus aus jenen Gebieten des Landes, in denen sie sowohl von den örtlichen Behörden als auch von den Strenggläubigen verfolgt werden, doch Belgien erkennt ihren Status als Flüchtlinge nicht an.