Alleanza Cattolica
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Dr. med. Ermanno Pavesi*, Pastoralpsychologie. Segen oder Fluch?, in Vobiscum. Publikationsorgan des Erzbistums Vaduz, 3/1, Schellenberg (Liechtenstein) 2001: 35-44
Pastoralpsychologie
Segen oder Fluch? Dr. med. Ermanno Pavesi
Einleitende Bemerkungen Pastoralpsychologie als eigenständiges Fach ist in der Geschichte der Kirche relativ neu. Wenn man darunter jedoch die Einbeziehung von psychologischen Kenntnissen in die Pastoral versteht, ist es klar, daß Pastoralpsychologie bereits in der Urkirche praktiziert wurde. Das Stichwort Pastoralpsychologie in der letzten Ausgabe des Lexikons für Theologie und Kirche faßt ihre Geschichte in den ersten 13 Jahrhunderten kurz zusammen: Schon in der missionarischen Praxis der Urkirche finden psychologische Erkenntnisse und Alltagserfahrungen ihren Niederschlag im pastoralen Umgang mit Fragen der Glaubens- und Lebensgestaltung (Vgl. 1Kor 7,8f.; 2Kor 2,6ff.; Apg 2,42). Nach der eher jenseitsorientierten Spekulation der frühchristlichen und patristischen Literatur werden anthropologische Fragestellungen zunehmend bei den mittelalterlichen Enzyklopäden (Hildegard von Bingen, 12. Jh.; Petrus Hispanus [Johannes XXI.], 13.Jh.) thematisiert; erste eigenständige theologisch-psychologische Arbeiten publizieren Bonaventura und Thomas von Aquin (beide 13. Jh.)" (1). Eine solche schnelle Abfertigung jahrhundertelanger Beschäftigung mit der Spiritualität und ihren psychologischen Aspekten sowie mit der patristischen Literatur ist für ein derart groß angelegtes Fachlexikon einfach nicht haltbar. Denken wir zum Beispiel an die Werke eines Evagrios Pontikos (4. Jh.), an seinen Traktat über die Akedia, mit dem Zusammenhang zwischen religiöser Einstellung und Lebensüberdruß (2). Formuliert nicht der Spruch von Evagrios Wer des Herren wegen die Menschen behandelt, der heilt unbemerkt sich selbst" (3), gerade ein wichtiges Anliegen der Pastoralpsychologie? Ist weiter Augustinus für die Pastoralpsychologie so unbedeutend, daß sein Beitrag dazu einfach unter der Formel eher jenseitsorientierte Spekulation" subsumiert werden kann? Wie ernst in früheren Jahrhunderten psychologische und sogar psychiatrische Kenntnisse genommen worden sind, beweist zum Beispiel das Rituale Romanum von 1614, d.h. das für zahlreiche Feiern der römischen Liturgie verbindliche Handbuch, das nach dem Konzil von Trient herausgegeben wurde. Dort heißt es, daß der Priester, der einen Exorzismus vornehmen will, ausschließen muß, daß die betreffende Person an Melancholie (die damalige Vorstellung von Melancholie entspricht ungefähr dem heutigen Begriff von Depression) oder an einer anderen psychischen Störung leidet. Das setzt voraus, daß der Exorzist in der Lage sein soll, Depression und andere psychische Störungen zu erkennen, d.h., daß er über das entsprechende Wissen verfügen soll, worin er auf Kenntnisse aus profanen Wissenschaften angewiesen ist. Diese Tradition der Kirche ist bis heute fortgesetzt worden: die Pastoralmedizin beschäftigt sich mit der Psychologie, mit psychischen Störungen und ihren Auswirkungen auf das religiöse Leben und auf die Seelenführung sowie mit psychischen Grenzzuständen. In den letzten Jahrzehnten hat sich aber in katholischen Kreisen eine in bezug auf Inhalte, Methoden und Aufgaben grundsätzlich neue Auffassung der Pastoralpsychologie verbreitet. Die vorliegende Analyse setzt sich unter theoretisch-fachlicher Rücksicht mit dieser Entwicklung auseinander, d.h. mit der Rezeption moderner psychologischer Richtungen in der neuen Pastoralpsychologie, während andere, auch wenn an sich wichtige und interessante Momente nicht berücksichtigt werden können.
Welche Psychologie in der Pastoralpsychologie? Zwei Aspekte an der Pastoralpsychologie sind vor allem hervorzuheben: Es vollzieht sich in ihr eine anthropologische Wende": Theologie wird zu Anthropologie und Psychologie reduziert, die Transzendenz außer acht gelassen oder als Hypostasierung oder Projektion aufgefaßt, die es psychologisch zu interpretieren gilt. Von daher nimmt die Pastoralpsychologie oft eine beherrschende Stellung ein in der Analyse und Beurteilung des ganzen religiösen Lebens, der Glaubensinhalte, der Liturgie und nicht zuletzt in der Kritik der Kirche als Institution. Bestimmte psychologische Richtungen werden bevorzugt und ohne weiteres als wissenschaftlich betrachtet: nur die Tiefenpsychologie könne die psychische Tätigkeit des Menschen erklären, andere psychologische Richtungen böten nur ein oberflächliches Bild des Menschen. Der Bruch mit der alten Pastoralmedizin und die Entwicklung einer auf moderne psychologische Richtungen hin orientierten Pastoralpsychologie und das Aufgeben von Vorbehalten gegenüber der Tiefenpsychologie werden häufig als konsequente Anwendung von Anregungen des II. Vatikanischen Konzils gerechtfertigt und mit einigen Konzilstexten begründet. Isidor Baumgartner, Professor für christliche Gesellschaftslehre und Pastoraltheologie an der Universität Passau, gibt u.a. eine Stelle der Pastoralkonstitution Die Kirche in der Welt von heute, Gaudium et Spes, folgendermaßen wieder: Sie [die Psychologie] vermag dem Wohl von Ehe und Familie und dem Frieden des Gewissens sehr (zu) dienen" (4). Der genaue Text lautet aber: Die Fachleute in den Wissenschaften, besonders in Biologie, Medizin, Sozialwissenschaften und Psychologie, können dem Wohl von Ehe und Familie und dem Frieden des Gewissens sehr dienen, wenn sie durch ihre gemeinsame wissenschaftliche Arbeit die Voraussetzungen für eine sittlich einwandfreie Geburtenregelung genauer zu klären suchen" (GS, 52). Der Konzilstext definiert genau Rahmen und Stellung der Psychologie, die dem Ziel einer sittlich einwandfreie(n) Geburtenregelung" untergeordnet wird, was selbstverständlich auch sittliche Normen voraussetzt, die den Wirkungsbereich der Psychologie abgrenzen. Man muß betonen, daß in diesem Konzilstext Wohl von Ehe und Familie" und Frieden des Gewissens" nicht von der Psychologie definiert werden. Dieser Text bestätigt die Tradition der Kirche, daß das Wohl des Menschen den Bereich der Biologie und der Psychologie überschreitet und daß therapeutische Interventionen nicht gegen die Moral verstoßen dürfen. Der Konzilstext kann weiter nicht als Anerkennung jeglicher psychologi- schen Richtung gedeutet werden, er weist ausdrücklich auf die Fachleute in den Wissenschaften hin, was die Frage nach der Wissenschaftlichkeit bestimmter psychologischer Theorien aufwirft. Unter den von der Deutschen Gesellschaft für Pastoralpsychologie (DGfP) offiziell anerkannten Methoden finden wir zum Beispiel die Gestalttherapie.(5) Nun, wenn eine Auseinandersetzung mit der Gestalttherapie gefordert wird, wäre es wichtig zu wissen, welche Prinzipien für diese maßgeblich sind. Einige betrachten den Psychiater und Psychotherapeuten Fritz Perls und sein Werk als für die Gestalttherapie wegweisend, andere bemängeln, daß die alleinige Ausrichtung auf Fritz Perls und die Nichtbeachtung der Beiträge seiner Frau Lore Perls und eines engen Mitarbeiters von ihm, Paul Goodman, zu einer einseitigen Therapiepraxis geführt hat, nämlich zur Ausprägung eines harten Stils der Gestalttherapie (von manchen Vertretern einer klassischen Gestalt" leider noch immer praktiziert), den Lore Perls klar als Mißverständnis des Demonstrationsstils als klinischer Methode kennzeichnete" (6). Es wird weiter bemerkt: Fritz Perls selbst distanziert sich 1969 scharf von seinen Nachahmern" (7). Karl Heinz Ladenhauf, Professor am Institut für Pastoraltheologie der Universität Graz, beschreibt verschiedene Phasen in der Entwicklung der Gestalttherapie. Er nennt eine zuerst angeblich eher euphorisch-unkritische Phase der Rezeption bis Mitte der siebziger Jahre und kommt dann auf die Entwicklung durch Hilarion Petzold und Mitarbeiter am Fritz-Perls-Institut für Integrative Therapie, Gestalttherapie und Kreativitätsforschung Düsseldorf zu sprechen, die als Kompromißformel den Begriff Integrative Gestalttherapie" verwendeten. Diese Bezeichnung wurde von Petzold bald wieder aufgegeben: Da dieser Terminus auch von anderen Ansätzen der Gestalttherapie gebraucht wird, die sich sowohl in ihren theoretischen Grundlagen wie ihrer Praxis deutlich unterscheiden". Im Zuge der immer prägnanter und umfassender ausgearbeiteten Konzepte zur Integrativen Therapie erfolgt seit ca. 1988 eine deutliche begriffliche und konzeptuelle Differenzierung. Integrative Therapie wird nicht mehr nur als Weiterentwicklung der klassischen Gestalttherapie verstanden". Lore Perls kritisiert die Vermischung der Gestalttherapie mit anderen Methoden, die zufällig in der psychotherapeutischen Vorratskammer erhältlich sind [...]. So haben wir Sensitivity-Training und Gestalt, Kunst-Therapie und Gestalt, Bioenergetik und Gestalt, Transaktionsanalyse und Gestalt und alles Mögliche und Gestalt ad infinitum" (8), Ladenhauf aber preist an der gleichen Stelle die Integration der Gestalttherapie mit anderen Verfahren der Einzel- und Gruppentherapie als Erweiterung. Nun, wer ist der legitime Gesprächspartner innerhalb der Gestalttherapie: Fritz Perls bzw. seine Publikationen? Vertreter einer klassischen Gestalt"? Frau Perls mit ihrer reinen Gestalttherapie? Die Integrative Gestalttherapie der ersten Stunde, mit ihrem erweiterten Ansatz? Die Integrative Therapie mit der weiteren Erweiterung des erweiterten Ansatzes der Integrativen Gestalttherapie? Oder sollte man eher diejenigen ernst nehmen, die euphorisch, wenn auch unkritisch, die Gestalttherapie rezepiert haben? Wie kann man sich übrigens, wie das in der Pastoralpsychologie geschieht, auf einen Therapeuten" wie Fritz Perls überhaupt beziehen, der in einer therapeutischen" Sitzung den Patienten auffordert, sich eine Brustwarze der Mutter bildhaft vorzustellen, sie zwischen die Zähne zu nehmen, zu zerquetschen, zu zermalmen, und der am Schluß noch fragt: Wie schmeckt es?" (9)? Dürfen solche Übungen als wissenschaftlich betrachtet werden, und dienen sie dem Wohl von Ehe und Familie" und dem Frieden des Gewissens"?
Psychoanalyse: Wissenschaft oder Mythologie? Für Pastoralpsychologen sind die Vorbehalte gegen moderne Psychologierichtungen wegen ihres agnostischen oder sogar atheistischen Ursprunges fehl am Platz. Im Gegenteil wird die Religionskritik der Psychoanalyse und anderer psychologischer Schulen positiv bewertet, als Fremdprophetie". Entsprechend wirft man den Kritikern dieser Richtungen vor, von Wissen- schaftlern unwissenschaftliche Stellungnahmen zu verlangen: Man warnt vor der Freudschen Triebtheorie, vor Behaviorismus und Verhaltenstherapie sowie vor der Selbsterlösungslehre" Rogers, vorgetragen unter dem Stichwort Selbstverwirklichung". In den Augen der Kritiker werde hier ein anthropologischer Reduktionismus betrieben, der der christlichen Auffassung vom Menschen und seiner Verwiesenheit auf Gott diametral entgegenstehe. Genaugenommen werden jedoch hier von der Wissenschaft Psychologie Glaubensbekenntnisse oder gar Glaubensbeweise gefordet. Ihr eigener empirischer Wissenschaftskanon verbietet aber der Psychologie metaphysische Axiome" (10). Es ist klar, daß man von Wissenschaftlern Stellungnahmen zu Themen außerhalb ihrer Kompetenz nicht verlangen kann. Anderseits müssen Psychologen unterschiedliche Bereiche wie Psychopathologie, Psychologie und Metapsychologie sauber trennen können. An den historischen Anfängen der Psychoanalyse steht die klinische Arbeit mit psychisch gestörten Menschen. Aus klinischen Fällen, die beschrieben, aber nie wissenschaftlich bearbeitet werden, entwickelt Freud zuerst eine Krankheitslehre der psychischen Störungen, d.h. eine Psychopathologie. In einem weiteren Schritt, nimmt Freud an, daß die in der Behandlung neurotischer Patienten gewonnenen Erkenntnisse ohne weiteres auch für die Erklärung des Verhaltens von nicht neurotischen Menschen völlige Gültigkeit besitzen. Die methodologischen Mängel dieser Verallgemeinerung d.h., daß die Hypothesen aus seinen vereinzelten Beobachtungen nicht nur psychische Störungen allgemein, sondern auch das menschliche Verhalten überhaupt erklären sollen werden von Freud völlig übergangen, was zum Beispiel in Aussagen wie der folgenden zum Ausdruck kommt: Es ist selbstverständlich, daß wir die Voraussetzungen der Libidotheorie auch für das normale Verhalten geltend machen" (11). Das ist überhaupt nicht selbstverständlich, sondern willkürlich. Später vollzieht Freud noch einen weiteren Schritt: von der Psychologie zur Metapsychologie. Seine Theorien über die Entstehung psychischer Störungen sollen nicht nur die Psychologie des normalen Menschen, sondern auch die Entstehung von Natur und Kultur vollständig erklären. Der angebliche Konflikt zwischen Lebens- und Todestrieb zum Beispiel wäre nicht nur für psychische Störungen charakterisch, sondern würde auch der ganzen Evolution zugrunde liegen. Wer kann noch ernsthaft von Wissenschaft Psychologie" sprechen, wenn Freud schreibt, die Formel vom Kampf zwischen Eros und Todestrieb [...] sollte überdies das Geheimnis des organischen Lebens überhaupt enthüllt haben" (12)? Zeitweise zeigt sich Freud einsichtiger als seine späteren Anhänger, etwa wenn er selber bekennt: Die Trieblehre ist sozusagen unsere Mythologie. Die Triebe sind mythische Wesen, großartig in ihrer Unbestimmtheit. Wir können in unserer Arbeit keinen Augenblick von ihnen absehen und sind dabei nie sicher, sie scharf zu sehen" (13). Kritik an der Freudschen Trieblehre heißt deshalb noch keinesfalls Kritik an der Humanwissenschaft, sondern an mythologisierenden Vorstellungen. Man kritisiert damit nicht die Psychologie als wissenschaftliche Disziplin, sondern Theorien, die aus einer beschränkten, häufig von naturalistischen und materialistischen Vorurteilen geprägten klinischen Praxis allzu schnell allgemeingültige Prinzipien gewinnen möchten. Der empirische Wissenschaftskanon, der der Psychologie metaphysische Axiome" verbietet, sollte auch keine metapsychologischen Flüge erlauben! Auch moderne Autoren haben ihre Theorien aus sehr dürftigem klinischen Material entwickelt. Der protestantische Pastoralpsychologe Joachim Scharfenberg etwa beschreibt den Fall einer 22jährigen Frau, die an Platzangst erkrankt war, deren Ursache er der strengen Erziehung der Eltern zuschreiben zu können glaubt (14): Ich habe seither unzählige Male die Biographie dieser jungen Frau verschlüsselt weitererzählt; sie wurde mir in verallgemeinerter Form zum Baustein einer pastoralpsychologischen Theorie, die einen menschenfreundlicheren Umgang mit der eigenen Triebhaftigkeit fordert [...] so daß [...] manches überflüssige Leiden erspart würde" (15). In der Wissenschaft kommt immer wieder vor, daß einzelne Beobachtungen zur Entdeckung von Gesetzmäßigkeiten führen. Die wissenschaftliche Arbeit besteht jedoch nicht darin, die einzige Beobachtung unzählige Male weiterzuerzählen, zu verallgemeinern und daraus eine Theorie zu entwickeln, sondern Arbeitshypothesen zu entwerfen und dann zu überprüfen. Niemand kann an der Beobachtung von Scharfenberg zweifeln, bei der Interpretation aber können sich die Geister scheiden. Die Behauptung, daß eine Änderung der Erziehung in seinem Sinn manches überflüssige Leiden ersparen würde, ist aufgrund einer einzigen aufgeführten Beobachtung wissenschaftlich kaum haltbar. Die Hypothese von Scharfenberg, daß eine besondere Art von Erziehung unnötige Platzangst verursacht, müßte zuerst mit einer methodologisch korrekt durchgeführten epidemiologischen Untersuchung untermauert werden, die eine höhere Rate von Platzangst bei Menschen, die in im traditionellen Sinn religiösen Familien erzogen worden sind, nachwiese.
Der Ursprung der Pastoralpsychologie Protestantische Vertreter der modernen Pastoralpsychologie betrachten diese als die natürliche Entwicklung der Theologie im Geist der Reformation. Durch die Ablehnung des Lehramtes und einer normativen Moral kann sich der Mensch weder auf eine Autorität noch auf objektive Normen stützen, daher so diese Pastoralpsychologen soll er sich selber mit dem Wort Gottes konfrontieren und die Verantwortung für die eigenen Entscheidungen übernehmen. Der Mensch könne nicht über seine Subjek- tivität hinaus, so daß sein ganzes Verhalten, seine Religiosität nicht ausgeschlossen, auf die subjektive, innerpsychische Dimension reduziert wird, die nur psychologisch ge-deutet werden kann. Die Geschichte der (praktisch-)theo-logischen Lehrbildung zeigt die bestehende Spannung zwischen dem Zurücktreten der kirchlichen Institution und ihrem Traditions- und Überlieferungssystem zugunsten der Wertschätzung des persönlichen Glaubens seit der Reformation auf der einen Seite und die gleichzeitige Entwertung des Individuums aus der Perspektive idealisierter, normativer ekklesiologischer und theologischer Lehrsysteme auf der anderen Seite. Die protestantische Tradition war von Anfang an insgesamt deutlich an der Individualisierung des Menschen und am Pluralismus der Glaubensüberzeugungen interessiert, während im Katholizismus das Lehrsystem stets höher bewertet wurde. In jüngster Zeit ist aber auch hier ein Bekenntnis zu einem recht verstandenen Pluralismus" zu vernehmen" (16). In dieser Entwicklung wird eine wichtige Rolle dem Theologen Friedrich Schleiermacher zugeschrieben: Soweit ich sehe schreibt Scharfenberg ist Schleiermacher der erste Theologe von Rang, der sich dazu gezwungen sah, eine explizite Psychologie zu formulieren und unter großem Erfolg, gleichsam als Grundlagenwissenschaft aller theologischen Fächer, immer wieder als Vorlesung anzubieten", d.h., die Gottesbeziehung wird von der subjektiven Seite her betrachet. Diese subjektive Sicht der Religiosität relativiert Metaphysik (d.h. objektive Seinskenntnisse) und Moral (d.h. objektive Verhaltensnormen) (17). Psychologie wird bei Schleiermacher zur Grundlagenwissenschaft aller theologischen Fächer, die religiöse Anschauung jedes einzelnen Menschen wird zur Offenbarung, die sogar die heilige Schrift in den Schatten stellt: Jede heilige Schrift ist nur ein Mausoleum der Religion, ein Denkmal, daß ein großer Geist da war, der nicht mehr da ist; denn wenn er noch lebte und wirkte, wie würde er einen so großen Wert auf den toten Buchstaben legen, der nur ein schwacher Abdruck von ihm sein kann? Nicht der hat Religion, der an eine heilige Schrift glaubt, sondern, welcher keiner bedarf und wohl selbst eine machen könnte" (18). Eine zweite Wende hat in den letzten 100 Jahren stattgefunden, mit der zunehmenden Verselbständigung der Psychologie. Jahrhundertelang war Psychologie ein Bereich der Philosophie: als Lehre nicht nur der psychischen Tätigkeit, sondern auch der Beseelung lebender Wesen war Psychologie in einem umfassenderen Konzept des Menschen und des Kosmos eingebettet. Mit dem Aufkommen der naturwissenschaftlichen Methode im Laufe des 19. Jahrhunderts wird versucht, die psychische Tätigkeit durch die zunehmenden Kenntnisse über die Funktion des Nervensystems zu erklären. Erst in den letzten Jahrzehnten haben aber die Neurowissenschaften eine wichtige Erweiterung unseres Wissens gebracht. Zwischen einer Philosophie, die nach dem Verzicht auf die Metaphysik immer mehr in eine Krise der Orientierungslosigkeit geraten ist und einer Neurowissenschaft, die lange Zeit nur spärliche wissenschaftliche Kenntnisse über die psychische Tätigkeit bieten konnte, beansprucht die Psychologie für sich eine immer mehr eigenständige Rolle innerhalb der Humanwissenschaften. Parallel mit dieser Entwicklung begnügt sich auch die Pastoralpsychologie nicht mehr mit der Funktion einer Hilfswissenschaft, die der Theologie und auch dem Lehramt untergeordnet ist, sondern sie strebt die Anerkennung der eigenen Autonomie an. Die Veröffentlichung von Sigmund Freuds Die Traumdeutung im Jahr 1900 markiert eine wichtige Etappe in der Verbreitung der Psychoanalyse in Europa und Amerika, wobei ihr Einfluß anfänglich sehr beschränkt bleibt, und sie mit sehr wenigen Ausnahmen auf großen Widerstand in akademischen und wissenschaftlichen Kreisen stößt. Erst einige in den dreißiger Jahren emigrierte Psychoanalytiker erreichen in Amerika Erfolg und Anerkennung und so beginnt ein Siegeszug, der sich nach dem Ende des II. Weltkrieges auch in Europa fortsetzt. Während sich die Pastoralpsychologie als Teil der Pastoralmedizin weiterhin mit den Fortschritten der akademischen Psychologie und Psychiatrie auseinandersetzt, sind die Kontakte zwischen Religion und Tiefenpsychologie zuerst auf einzelne Personen beschränkt, wie z.B. zwischen dem Zürcher Pastor Oskar Pfister und Freud, oder zwischen dem englischen Dominikanerpater Viktor White und Carl Gustav Jung. Der amerikanische Seelsorger Anton Boisen, der 1925 am Chicago Theological Seminary den ersten Kurs in Clinical Pastoral Training einrichtet, revolutioniert den Ansatz und setzt das in die Tat um, was Schleiermacher schon vorgeschlagen hatte: der Mensch selber schreibt seine eigene heilige Schrift, seine Anschauung des Universums ist seine persönliche Offenbarung. Boisen betrachtet die Menschen, die er zu betreuen hat, als lebendige menschliche Dokumente (living human documents), die man mit eben demselben Verstehensschlüssel sich erschließen müßte wie die großen biblischen Dokumente der religiösen Glaubenserfahrung" (19). Eine systematische Integration von Religion und Psychologie zu psychotherapeutischen Zwecken beginnt in den dreißiger Jahren durch die Zusammenarbeit des protestantischen Geistlichen Norman Vincent Peale mit einem Psychiater, Dr. Smiley Blanton, und durch die Gründung der American Foundation of Religion and Psychiatry (später Blanton-Peale-Institute). 1963 wird die American Association of Pastoral Counselors gegründet, eine interkonfessionelle Organisation von Pastoralberatern (aus heute rund 80 Konfessionen bzw. Religionen), die Ausbildungen in Pastoralberatung zertifiziert und pastorale Beratungsstellen und Trainingsprogramme anerkennt. 1972 gründet eine Gruppe von Pastoralpsychologen, mehrheitlich Protestanten, aber auch einzelne Katholiken, die Deutsche Gesellschaft für Pastoralpsychologie, die aus verschiedenen Sektionen besteht, in welchen die wichtigen Richtungen der Tiefenpsychologie, der Verhaltens-, System- und Gestalttherapie sowie der Humanistischen Psychologie vertreten sind. In den folgenden Jahren verbreitet sich diese neue Form von Pastoralpsychologie auch im deutschsprachigen Raum der katholischen Kirche. Zuerst werden Kurse angeboten, später Pastoralpsychologische Institute gegründet, die eine rege Tätigkeit in der Ausbildung von Priestern und anderen kirchlichen Berufen entwickeln mit einem zunehmenden Einfluß in verschiedenen Bereichen des kirchlichen Lebens. Ein weiterer Beitrag wird sich mit einigen problematischen Theorien psychologischer Richtungen, die von der Deutschen Gesellschaft für Pastoralpsychologie anerkannt sind, auseinandersetzen.
*** * Der Autor ist Facharzt für Psychiatrie und Dozent für Psychologische Anthropologie an der Gustav-Siewerth-Akademie, Weilheim-Bierbronnen (Deutschland). (1) Gilbert Schmid, Stichwort Pastoralpsychologie, Lexikon für Theologie und Kirche, VII. Band, Herder, Freiburg, Basel, Rom 1998, Spalte 1443. (2) Gabriel Bunge, Akedia. Die geistliche Lehre des Evagrios Pontikos vom Überdruß. Luthe, Köln 1989. (3) Evagre le Pontique, Le gnostique ou a celui qui est devenu digne de la science. CERF, Paris 1989, S. 150-151. (4) Isidor Baumgartner, Pastoralpsychologie. Einführung in die Praxis heilender Seelesorge. Patmos, Düsseldorf 1990, S. 22. (5) Siehe die Ausführungen zur 5. Sektion (Gestaltseelsorge und Psychodrama in der Pastoralar- beit) der DGfP im folgenden Beitrag. (6) Karl Heinz Ladenhauf, Integrative Therapie und Seelsorge-Lernen, in Isidor Baumgartner Hrsg, Handbuch der Pastoralpsychologie, Pustet, Regensburg 1980, S. 184. (7) Ebd. (8) Ebd., S. 185. (9) Frederick S. Perls, Patricia Baumgardner, Das Vermächtnis der Gestalttherapie, dt. Übersetzung, Klett-Cotta, Stuttgart 1990, S. 218-222. (10) Isidor Baumgartner, Pastoralpsychologie. zit., S. 76. (11) Sigmund Freud, Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse, in Ders. Gesammelte Werke, Bd. XII, S. 6. (12) Ders., Das Unbehagen der Kultur, in Ders. Gesammelte Werke, Bd. XIV, S. 499. (13) Ders., Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, in Ders. Gesammelte Werke, Bd. XV, S. 102. (14) Zitate von protestantischen Autoren sind in diesem Kontext nicht fehl am Platz. Die katholischen Autoren verstehen ihre Tätigkeit weitgehend ökumenisch. Auch der bereits zitierte Artikel Pastoralpsychologie im Lexikon für Theologie und Kirche führt als Literatur nur zwei Texte an, beide von protestantischen Autoren, einer davon ist gerade J. Scharfenberg. (15) Joachim Scharfenberg, Pastoralpsychologische Kompetenz von Seelsorgern/-innen, in Handbuch der Pastoralpsychologie, zit., S. 149. (16) Peter Held, Systemische Praxis in der Seelsorge, Matthias Grünewald, Mainz 1998, S. 13. (17) J. Scharfenberg, Einführung in die Pastoralpsychologie. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1985, S. 200-202. (18) Friedrich Schleiermacher, Über die Religion. Reden an die Gebildetenen unter ihren Verächtern. Reclam, Stuttgart 1997, S. 81-82. (19) J. Scharfenberg, Einführung in die Pastoralpsychologie, zit., S. 185. |
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