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Alleanza Cattolica
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Dr. med. Ermanno Pavesi*, Pastoralpsychologie - quo vadis?, in Vobiscum. Publikationsorgan des Erzbistums Vaduz, 3/2, Schellenberg (Liechtenstein) 2001: 31-46
Pastoralpsychologie quo vadis? Dr. med. Ermanno Pavesi
Im Artikel Pastoralpsychologie Segen oder Fluch" in vobiscum 1/2001 habe ich beschrieben, wie in den letzten Jahrzehnten die Rezeption von verschiedenen modernen psychologischen Theorien in der Pastoral zu einer neuen Auffassung der Pastoralpsychologie und zur Bildung einer Art Bewegung geführt hat, die für sich einen wichtigen Einfluß auf das kirchliche Leben beansprucht hat. Diese verschiedenen Richtungen haben sich in einer Organisation zusammengeschlossen, der Deutschen Gesellschaft für Pastoralpsychologie (DGfP). Zur Zeit besteht die DGfP aus fünf Sektionen: 1. Gruppe Organisation System (GOS) 2. Klinische Seelsorgeausbildung (KSA) 3. Tiefenpsychologie 4. Personzentrierte Psychotherapie und Seelsorge 5. Gestaltseelsorge und Psychodrama in der Pastoralarbeit Im folgenden sollen die Aufgabenbereiche dieser Sektionen betrachtet werden. Der kritischen Betrachtung wird eine kurze Darstellung der jeweiligen Sektion vorangestellt, die der Selbstdarstellung auf der Internetseite der DGfP entnommen ist.
1. Gruppe Organisation System Die pastoralpsychologische Arbeit dieser Sektion orientiert sich an den Methoden der Gruppendynamik, der Systemtheorie, den Organisationstheorien und der Rollentheorie". Die systemische Seelsorge stützt sich auf die soziologische Systemtheorie und deren Anwendung in der Familientherapie sowie auf die kognitive Theorie des Konstruktivismus. Die systemische Seelsorge erhebt den Anspruch, die Herausforderung der heutigen Zeit, der sogenannten Postmoderne", wahrgenommen und die großen ideologischen Systeme der Moderne abgelöst zu haben. Typisch für diese letzteren wäre der Anspruch, ein allgemeingültiges Modell für die Erklärung der Realität und der Gesellschaft entworfen zu haben. Die Postmoderne habe jedoch erkannt, daß solche Modelle nicht möglich seien, daß die Realität sich in einem Prozeß ständiger Veränderung befinde und deshalb nicht als statisches Gebilde beschrieben werden könne. Henning Luther, bis zu seinem Tod 1991 Professor für Praktische Theologie mit Schwerpunkt Religionspädagogik an der Universität Marburg, betont die Relativierung von Tradition und Institution durch die Reformation und die durch sie vorbereitete neuzeitliche Entdeckung der Subjektivität" (2); diese Subjektivität war lange auf die Heilige Schrift und auf das Christentum orientiert, die Postmoderne mit der Akzentuierung der Multikulturalität erkennt dem Christentum den besonderen Stellenwert für die westliche Zivilisation ab, so daß der Subjektivismus noch markantere Formen annimmt. Konstruktivistische Ansätze (3) sollten jede Suche nach objektiven Kenntnissen, Normen und Werten von vornherein diskreditieren: Wie wir gesehen haben, ergeben sich aus den Prämissen des Radikalen Konstruktivismus Konsequenzen für eine systemische Ethik. Dadurch, daß es sich hierbei um ein rationales Modell handelt, wird auf normative ethische Aussagen verzichtet. Ethische Entscheidungen werden dem emotionalen Bereich zugeordnet. Der einzelne muß seine Handlungsentscheidungen emotional treffen und entsprechende Folgen ohne Bezug auf ein absolut gültiges Wertesystem selbst verantworten" (4). Der Glaube an absolute Werte wird von diesem systemischen Ansatz als Intoleranz stigmatisiert: Die Suche nach der ethischen Wahrheit ist daher ein kreativer Prozeß der Unterschiedsbildung und sogleich ein Akt der Diskriminierung der nicht gewählten Werte" (5). Der Theologie kommt eine neue Funktion zu: Es bleibt zu prüfen, ob die Theologie sich als wissenschaftliche Beschäftigung mit subjektiven Wirklichkeitskonstruktionen individueller Christen sehen kann" (6). In dieser gleichsam babylonischen Verwirrung soll der Theologe verhindern, daß zwischen den vielfältig subjektiven Zugängen zur Religion keine Verständigung mehr möglich ist. [...] Was und wie zu glauben ist, klären die einzelnen Subjekte selber" (7). Dabei erhält die Theologie einen dekonstruktivistischen" Auftrag: wenn die religiösen Vorstellungen nur subjektive Konstruktionen sind, dann steht es dem Theologen zu, ihre vermeintliche Objektivität in Frage zu stellen und ihren subjektiven Ursprung aus der Lebensgeschichte des Einzelnen heraus aufzuzeigen. Für die Deutung von Menschengruppierungen als Systeme wird ein weiteres konstruktivistisches Konzept herangezogen, die Autopoiese": Jedem Lebewesen würde ein Mechanismus der Selbstorganisation innewohnen, der in Wechselwirkung mit der Umwelt für die Evolution und die Entwicklung verantwortlich ist (8). Der Begriff der Autopoiese wird auch auf lebende Systeme, z.B. menschliche Gruppen, angewendet. Ein solches Selbstorganisationskonzept geht davon aus, daß Versuche, die Entwicklung lebender Systeme von außen zu lenken, mit der Autopoiese interferieren und nur negative Folgen haben können: Lebende Systeme lassen sich lediglich verstören" (9). Einige Theologen und Pastoralpsychologen beziehen sich auch auf moderne Chaostheorien. Chaos wäre nicht negativ, als Gegensatz von Ordnung, zu definieren, sondern als Summe verschiedenster Entwicklungs- potentialitäten, aus welchen sich neue Ordnungen" in kleinen oder größeren Systemen entwickeln werden. Gemäß einigen Autoren geschieht diese Entwicklung autopoietisch, nach dem Prinzip von Zufall und Notwendigkeit", auf jeden Fall bedarf es für diese Evolution" keinesfalls eines Eingriffes von außen, eines ordnenden Prinzips. Alexander Ganoczy zum Beispiel, emeritierter Würzburger Professor für Dogmatik, behauptet, daß jeder evolutive Vorgang in der Destabilisierung des vorbestehenden Zustandes durch den Durchbruch von im Chaos enthaltenen Möglichkeiten besteht. Er interpretiert als chaotisch" sowohl jede Ablehnung des Bestehenden, so daß er sogar Jesus einen Chaoten nennt Modern könnte man sagen, er sei ein Chaot" (10) , wie jede Veränderung, wie zum Beispiel das Pfingstereignis: ein wohl chaotisches Ereignis" (11), und man sollte meinen, auch ein autopoietisches. Ganoczy versucht Natur und Geschichte durch die Chaostheorie zu erklären, ohne auf die Tatsache einzugehen, daß er Theorien über die Natur, die noch nicht bewiesen sind, schlichtweg als Naturwissenschaft erachtet (12), was sich auch in den Unzulänglichkeiten seiner christologischen Spekulation zeigt: Christologisch formuliert: Inkarnation besagt zugleich Eingehen ins passive Chaos (Enchaosis?). Das unvergleichlich Einmalige, das von keiner bekannten Systemdynamik Ableitbare zeigt sich darin, daß der Geist Gottes das passive Gleichgewicht des leblosen Jesus überwindet und dessen lähmende Symmetrie bricht. Insofern könnte die Auferweckung als ein Übergang des passiven Chaos in ein aktives gedacht werden" (13). Nun, wenn Inkarnation und Auferstehung autopoietisch und chaotisch gedeutet werden können, wozu braucht man noch einen Geist Gottes? In dieser Perspektive gibt es keinen Platz für eine gottgewollte Ordnung, für absolute Normen: Die neue christliche Moral ist im Werden. Sie ist im Werden, insofern sie sich nicht einfach auf ewig geltende, ein für allemal geoffenbarte Prinzipien, sondern nur auf die in Gleichnisreden gekleidete ethische Botschaft des Evangeliums berufen kann, die außerdem noch in unsere Zeit hineinzuübersetzen ist" (14). Das bedeutet auch eine andere Bewertung des Bösen, die nach Ganoczy auch vom Zweiten Vatikanum rezipiert worden sei: Von der Bosheit des Bösen läßt sich die Kirchenversammlung kaum beeinflussen" (15). Wogegen ein Konzilstext klar festhält: So ist der Mensch in sich selbst zwiespältig. Deshalb stellt sich das ganze Leben der Menschen, das einzelne wie das kollektive, als Kampf dar, und zwar einen dramatischen, zwischen Gut und Böse, zwischen Licht und Finsternis" (16). Einzelne Autoren vermissen in solchen Entwürfen spirituelle Elemente, übernehmen jedoch ohne weiteres konstruktivistische Theorien, die Begriffe wie Natur, Leben, Gott usw. als beliebig austauschbare Metaphern betrachten: Wir Menschen scheinen eine tiefwurzelnde Neigung zu besitzen, die Wirklichkeit zu hypostasieren, d.h. sie als einen Freund oder Gegner zu betrachten, mit dem wir uns auseinandersetzen müssen... . Das Leben oder Wirklichkeit, Gott, Schicksal, Natur, Existenz oder welchen Namen auch immer man dafür vorzieht [...]" (17). Wenn Gott immanentistisch mit der Natur und mit dem Leben schlechthin identifiziert und naturalistisch verstanden wird, ist Spiritualität nur der spirituelle Anstrich eines Naturalismus, der einen dynamischen, schöpferischen Charakter in der Materie hervorhebt. Der Prozeßcharakter einer kreativen Materie ist nicht nur Wesensmoment dialektisch-materialistischer Philosophie, sondern auch dialektischer Selbstüberschreitungen einer sich zunehmend prozessual verstehenden Naturkunde, wie sie bei Ilya Prigogine für die Theorien der Selbstorganisation, wie sie bei Benoit Mandelbrot für die Chaostheorie zum Ausdruck kommt und, cum grano salis (weil nicht das Novum, sondern die Identität der biologischen Einheit im Vordergrund steht), auch bei Humberto Maturana und Francisco Varela in ihrer Lehre der Autopoiese, der Selbsterschaffung in lebenden Organisationen" (18). Gott als Schöpfer wird von der kreativen Materie abgelöst, der creator spiritus wird zur Metapher der Bewegung in der Materie, des Triebes, wie auch der Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung meint: Nach meiner persönlichen Auffassung ist die Lebensenergie oder die Libido des Menschen das göttliche Pneuma" (19). Katholische Pastoralpsychologen versuchen die systemische Praxis mit Hinweisen auf das Zweite Vatikanum zu begründen. Der Begriff von Autopoiese, d.h. daß ein System selber die Potentialität zur Weiterentwicklung besitzt und daß äußere Normen und Interventionen diese Entwicklung nur stören könnten, wird auf die Gemeinde angewendet und mit einer Volk-Gottes-Theologie in Verbindung gebracht. Das hierarchische Bild der Kirche und die traditionelle Pfarrei werden von der Gemeinde" abgelöst, die eine weitgehend autonome Einheit darstellt. Das Konfliktpotential, das in dieser Sicht einer autopoietischen" und autonomen Gemeinde innewohnt, wird zum Beispiel in der Beurteilung der Situation von priesterlosen Pfarreien evident. Martin Lörsch, Leiter des Referates Pastorale Planung in der Hauptabteilung Pastorale Dienste des Bischöflichen Generalvikariats Trier, bedauert, daß das Kirchenrecht, insbesondere can. 517 § 2 CIC, eine Vakanzsituation negativ festschreibt und darin nicht den Status des Mangels überwindet, wo umgekehrt doch Möglichkeiten bestünden, diese Perspektive zu überschreiten" (20). Lörsch bezichtigt das neue Kirchenrecht, die Konzilstheologie und ihre nachkonziliare Rezeption" der vorrangigen Gleichheit aller Getauften" nur bruchstückhaft zu widerspiegeln". Lörsch schlägt vor, im Falle einer Vakanz von dieser prinzipiellen Gleichheit aller Getauften" auszugehen und erst später die dann gefundene Antwort mit dem Kirchenrecht in einem kritisch-konstruktiven Dialog [zu] bringen, um nicht das Kirchenrecht selbst in seinen Möglichkeiten zu überfordern und sich nicht vorschnell um den offensichtlichen Gestaltungsspielraum zu bringen" (21). Lörsch schlägt auch vor, einfach zu handeln und ein Gewohnheitsrecht zu installieren: Vielleicht sollte diese Sicht offensiver als Chance gesehen werden, um mit der Zeit ein theologisch begründetes Gewohnheitsrecht der differenzierten Leitung zu installieren, das dann rechtlich eingeholt wird" (22). Es befremdet , daß die Pastoralpsychologie sich berufen sieht, auf diese Art in kirchliche Fragen einzutreten und die Gläubigen zum Hintergehen des Kirchenrechtes aufzufordern. Eine solche Haltung gehört aber in einer mehr oder weniger ausgeprägten Form zur pastoralpsychologischen Bewegung": Die Seelsorgebewegung hat die dialektische Theologie strukturell in der Weise beerbt, daß auf die Totalisierung des Verkündigungsbegriffs tendenziell eine Totalisierung des Seelsorgebegriffs folgte. Es schien eine Zeitlang so, als sei Seelsorge das Mittel zur Kirchenreform schlechthin. An diesem Punkt ist inzwischen eine heilsame Ernüchterung und Relativierung im Vergleich zum Überschwang des Anfangs eingetreten". Trotz dieser Relativierung" beansprucht die Bewegung die Standards in der Seelsorge zu bestimmen, wie beispielsweise Klessmann Liebau mit Bezug auf ihre diesbezüglichen Vorstellungen äußern: neue Seelsorgekonzepte, die sich nicht der Pastoralpsychologie verpflichtet fühlten, sollten hinter diesen Standard nicht zurückfallen" (23). Die Vorschläge von Lörsch entsprechen übrigens den Ansätzen der pastoralpsychologischen Supervision: Ausgangspunkt ist nicht so sehr die Hilfe zur Lösung vorhandener Konflikte, Probleme, beruflicher Alltagssituationen, die allein nicht lösbar erscheinen, als vielmehr Hilfe zur Einführung geplanter neuer Impulse, die die Praxis und die darin agierenden Personen und Strukturen verändern sollen" (24). Der systemische Ansatz zeigt mehrere Mängel: die Unfähigkeit zwischen Kirche und kirchlichen Institutionen zu unterscheiden. Es kann möglich sein, daß manche kirchliche Institutionen von mehr unternehmerischer Professionalität profitieren könnten. Die Kirche aber ist kein Unternehmen, ihre Probleme können nicht mit den gleichen Kriterien angegangen werden, die etwa bei der Sanierung eines Betriebes Geltung haben; man darf nicht nur Effizienz anstreben und dabei moralische Prinzipien ausklammern; man läuft Gefahr, eine gut organisierte aber unmenschliche Maschinerie zu entwickeln: autopoietisch kann sich auch ein Konzentrationslager selbst organisieren" (25). die Systemtheorie erhebt den Anspruch, die Kriterien festzulegen, an welchen die religiöse Praxis gemessen wird: Es bleibt im weiteren Rahmen dieser Arbeit zu klären, wie Heil und Heilung in der systemischen Praxis aufeinander zu beziehen sind, ob und wie der Bezug zu einer transzendenten Wirklichkeit im systemisch-konstruktivistischen Denken unterzubringen ist und welchen Raum Spiritualität innerhalb einer systemischen Praxis in der Seelsorge haben könnte" (26).
2. Klinische Seelsorgeausbildung (KSA) KSA stellt ein Lernmodell dar, in dem Seelsorge, Kommunikation und Supervision durch Selbsterfahrung und Reflexion beruflicher Praxis gelernt und eingeübt wird". Dabei kommen theologische Reflexion und Ansätze aus Psychotherapie, Kommunikations- und Sozial- wissenschaften zur An- wendung. Es gibt keine ausschließliche Ausrichtung auf eine bestimmte Form von Psychotherapie. In den Standards der Pastoralpsychologischen Weiterbil-dung in Supervison wird erwähnt, daß das Lernkonzept theorie- und me-thodenplural ist, Es werden insbesondere tiefenpsychologische, gruppendynamische und systemische Verstehensvorgänge und Interventionstechniken vermittelt und eingeübt". Aspekte der systemischen Therapie sind bereits besprochen worden, die Tiefenpsychologie wird vor allem von der dritten Sektion vertreten.
3. Tiefenpsychologie Grundlage ist das Verständnis für die Bedeutung unbewußter Prozesse und zwischenmenschlicher Konflikte. Ausgehend von den Konzepten der Psychoanalyse S. Freuds und der Analytischen Psychologie C.G.Jungs liegen Schwerpunkte auf der vertieften Wahrnehmung und Klärung unbewußter Beziehungsprozesse, der Aneignung der eigenen Lebensgeschichte und der Ermöglichung und der Reflexion symbolischer Erfahrungen". Mit anderen Worten geht man hier davon aus, daß die frühkindliche Erziehung mit der Vermittlung von moralischen Normen zuerst den Verzicht auf die Erfüllung der eigenen Wünsche und später ihre Unterdrückung verlangt. Diese Erziehung führt zur innerpsychischen Spaltung, mit der Bildung des Über-Ich und des moralischen Gewissens einerseits und des Unbewußten andererseits sowie mit einer künstlichen Trennung zwischen Gut und Böse. Diese Spaltung, mit der psychischen Entzweiung würde dann zum Verhängnis, das die ganze Existenz neurotisch prägt. Der Rahmen dieser Arbeit erlaubt nicht, den Einfluß der Tiefenpsychologie auf die neue Pastoralpsychologie umfassend darzustellen, hier seien nur einige Aspekte erwähnt. Von den oben erwähnten Theorien ausgehend, betrachtet Joachim Scharfenberg, ein Pionier der deutschsprachigen Pastoralpsychologie, mit Sympathie die Versuche, die traditionelle Familie zu überwinden, wie zum Beispiel die Kibbuz-Erziehung und die Kommunen der 68er Bewegung. Er bedauert aber die Tatsache, daß sich in den Kommunen monogame" Beziehungen gebildet haben. Zum anderen ist es aber in den Kommunen nicht gelungen, zu einer wirklichen Auseinandersetzung mit der individuellen Vergangenheit der einzelnen Kommunemitglieder vorzustoßen. So haben sich auch innerhalb der Kommune Strukturen durchgesetzt, die aus den Identifizierungsvorgängen in der Kindheit der einzelnen Mitglieder stammen und etwa dazu geführt haben, daß sich in einer Reihe von Kommunen doch wieder monogame Partnerbeziehungen eingependelt haben" (27). Scharfenberg betrachtet monogame Partnerbeziehungen (man sollte in diesem Fall wahrscheinlich eher von festen Beziehungen reden) als Strukturen, die ihren Ursprung in den Identifizierungen aus der Kindheit, und zwar in den stabilen Beziehungen zu den Eltern und der Eltern zueinander haben. Erwachsenen Kommunemitgliedern wäre also nicht gelungen, sich von kindlichen Abhängigkeiten zu emanzipieren. Angesichts dieses gescheiterten Versuches macht Scharfenberg einen pragmatischen Vorschlag. Wenn es nicht möglich ist, allzuschnell Familie und monogame Beziehungen zu überwinden, weil die Menschen durch ihre Kindheitserfahrungen trotz allem in solchen Mustern sehr befangen sind, sollte man zuerst versuchen, den Einfluß der Familie und der Eltern abzuschwächen, indem zu einem relativ frühen Zeitpunkt, also um das dritte bis vierte Lebensjahr herum, der Zusammenhang einer alleinigen Identifizierungsmöglichkeit mit den Elternpersonen aufgebrochen und angereichert wird durch die Identifizierung mit anderen Erwachsenen, die als gleichberechtigte Partner der Eltern im Gesamtgeschäft der Erziehung akzeptiert werden können" (28). Offenbar wird eine individualistische und egoistische Selbstverwirklichung angestrebt, die jede Beziehung einfach als Bindung und als Einschränkung der eigenen Autonomie betrachtet. Paradoxerweise sind diese Theorien von der Pastoralpsychologie auch in der Ehe- und Familienberatung angewendet worden. Scharfenberg selber gesteht: Ich kann mich heute der Einsicht nicht mehr verschließen, daß wir mit einer solchen Interventionsstrategie den Beratungsprozeß gelegentlich zum Ersatz für die Zweierbeziehung gemacht und damit (ohne es natürlich zu wollen) ihrem vorschnellen Auseinanderbrechen Vorschub geleistet haben" (29). Es ist verwunderlich, daß sich ein qualifizierter Tiefenpsychologe offenbar lange Zeit der Einsicht der effektiven Wirkung seiner Therapie verschlossen hat, wobei er sie möglicherweise immer noch unterschätzt: die einseitige Parteinahme für einen Ehepartner und die Unterstützung von Tendenzen zur Autonomie kann nicht nur das Auseinanderbrechen beschleunigt, sondern erst richtig in Gang gesetzt und die Chancen einer Versöhnung eher vertan haben. Wie kann man sich übrigens ernsthaft für Ehe und Familie einsetzen und gleichzeitig sie als Auslaufmodelle betrachten, die der Selbstverwirklichung des Individuums nur im Wege stehen? Das sind die möglichen Folgen einer dem psychoanalytischen Menschenbild verpflichteten Pastoralpsychologie, die nicht einmal die Mahnung Erich Fromms ernst genommen hat: Freuds unabhängiger Mensch ist im Grund ein selbstgenügsamer Mensch. Er braucht die anderen nur als Mittel, um seine triebhaften Wünsche zu befriedigen" (30). Die Kritik der Psychoanalyse am Gewissen als Über-Ich, als Summe der internalisierten Normen wird von der tiefenpsychologisch orientierten Pastoralpsychologie voll übernommen und sogar religiös begründet, zum Beispiel mit dem Prinzip der Epikie bzw. mit seiner Neuinterpretation. Wenn Thomas von Aquin die Epikie als Tugend betrachtet, in Ausnahmesituationen nicht nach dem geltenden Recht zu handeln, wobei das Gesetz an sich nicht in Frage gestellt wird (31), sieht Paul Michael Zulehner, Professor für Pastoraltheologie und Kerygmatik an der Universität Wien, die Epikie der alten Tradition nicht als Ausnahmeprinzip, sondern als den Normalfall: Jedes sittliche Handeln sollte aus der Tugend der Epikie entspringen, also der Freiheit des Menschen, das Leben oder den Tod wählen zu können, die Einladung Gottes für das Leben anzunehmen oder auszuschlagen" (32). Ohne auf die Fragen einzugehen, ob die Epikie in der Freiheit besteht, das Leben oder den Tod wählen zu können", und ob eine so verstandene Freiheit als Tugend bezeichnet werden kann, sei hier eine Stelle der Pastoralkonstitution Die Kirche in der Welt von heute des II. Vatikanums erwähnt: Aber nur frei kann der Mensch sich zum Guten hinwenden. Und diese Freiheit schätzen unsere Zeitgenossen hoch und erstreben sie leidenschaftlich. Mit Recht. Oft jedoch vertreten sie sie in verkehrter Weise, als Berechtigung, alles zu tun, wenn es nur gefällt, auch das Böse" (Nr. 17). Isidor Baumgartner, Professor für Christliche Gesellschaftslehre und Pastoraltheologie an der Universität Passau, schließt sich dieser Deutung an und betrachtet die Epikie als eine Art Recht auf Ungehorsam gegenüber internalisierten Normen: Nicht selten wird es im Zuge der mystagogischen Begleitung nötig sein, um zum Vollzug der Freiheit, wie sie die Tugend der Epikie impliziert, hinzuführen, von der erbarmungslosen Diktatur internalisierter, im Zuge familiärer, aber auch religiöser Sozialisation erworbener Regeln zu befreien" (33). Der Mensch sollte den Anforderungen des Über-Ich nicht mehr folgen, sondern Gefühle und Gedanken, die verdrängt worden waren, zulassen und annehmen. Baumgartner betont, daß der Weg, den heilende Seelsorge geht, auf wirkliche innere Versöhnung mit dem eigenen Menschsein abzielt, dabei in vielem ähnlich der Intention der Psychotherapie" (34). Diese Versöhnung ist erst mit der Integration der dunklen" Seiten der Psyche möglich, die nicht mehr verdrängt, sondern angenommen werden sollen. Das gleiche gilt auch für unseren Nächsten, es geht darum, den anderen als unvollkommenen Menschen gelten zu lassen und ihn so mit seinen Schwächen, destruktiven Gefühlen, Depressionen, Anklagen und Ideologien ehrlichen Herzens anzunehmen". (35) Baumgartner übersieht hier, daß gerade diese Haltung mit der Akzeptanz von dunklen Seiten, von destruktiven Gefühlen und Ideologien, C.G. Jung dazu geführt hat, den Nationalsozialismus u.a. als Integration von über Jahrhunderte verdrängten nichtchristlichen und heidnischen Inhalten positiv zu beurteilen. Diese Art Seelsorge wird u.a. mit der Haltung Jesu der Ehebrecherin gegenüber (vgl. Joh 8,1-11) gerechtfertigt (36). Dabei wird aber die Aufforderung Jesu Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!" nicht erwähnt. Ist für die Heilende Seelsorge" eine solche Aufforderung noch jesuanisch? Entspricht sie nicht eher einem Vollkommenheitsfanatismus"? Wie kann man überhaupt aus der geschilderten tiefenpsychologischen Perspektive einen Menschen auffordern, nicht mehr zu sündigen und sich auf diese Art einer heteronomen Moral zu unterziehen? Ein weiteres wichtiges Anliegen der tiefenpsychologischen Pastoralpsychologie ist die Wiederentdeckung des symbolischen Potentials der Religiosität im allgemeinen, der Liturgie und der Sakramente insbesondere. Symbol wird hier nicht verstanden als Zeichen für einen übersinnlichen Begriff oder als Hinweis auf eine Wahrheit, die mit Worten weder formuliert noch erklärt weden kann, sondern als Zeichen, das individuelle Lebensgeschichten und Lebenskrisen mit ähnlichen Erfahrungen anderer Menschen verbindet und ihre Erinnerung und Durcharbeitung in einer ritualisierten Form ermöglicht. Analog, wie das kleine Kind mit dem Übergangsobjekt einer Puppe oder einem Teddybär die Loslösung von der Mutter-Kind-Symbiose zu bewältigen und die Trennung zu bearbeiten vermag, hilft das religiöse Symbol dem Erwachsenen, seine Konflikte religiös zu bearbeiten" (37). Sakramente werden zu gruppendynamischen Ereignissen reduziert zur Lösung von psychoanalytisch gedeuteten Konflikten: Hier vermag die Tiefenpsychologie den Seelsorger mit ihren verschiedenen Symboltheorien ein gutes Stück voranzubringen" (38). Baumgartner zeigt diese tiefenpsychologisch verstandene heilende Kraft der Symbole des Glaubens" am Beispiel der Taufe. Die Symbole der Taufe greifen die zutiefst verunsicherte, in die Krise geratene, zwiespältige innere Welt der Eltern auf. In der Taufe wird all das, was sich bewußt und unbewußt um das neugeborene Kind rankt, symbolisch nachgestaltet, belebt, zugelassen und bearbeitet. Die Eltern ersäufen nun tatsächlich ihr Kind symbolisch im Wasser und geben damit ihrer Enttäuschung und Wut Ausdruck. Indem das Kind zurück in das Wasser geschickt wird, wird die Geburt gleichsam ungeschehen gemacht. Gleichzeitig handelt es sich aber auch um einen zärtlich-pflegenden Badevorgang, bei dem man dem Kind seine Zuneigung und Liebe zeigt. Wenn sie ihr Kind waschen, dann geschieht damit Reinigung von allen Makeln, mit denen sie, die Eltern, es im geheimen versehen haben (Eindringling, Lebenshindernis), Schuld wird bearbeitet. Indem sie das Kind dem Wasser übergeben, bringen sie ihren vollzogenen Umkehrprozeß zum Ausdruck, das Kind nicht als Eigentum zu betrachten und seinen eigenen Weg gehen zu lassen. Und bei all dem wiederholen sie noch einmal eine Geburt, sie erhalten ihr Kind als Geschenk aus dem Wasser zurück" (39). Die Taufe wird deshalb zum Ritus eher der Eltern als des Kindes: In der Taufe ist demnach nicht vorrangig die noch wenig erwachte Erfahrungswelt des Kindes Thema der symbolisch-heilenden Liturgie, sondern das innere Erleben der Eltern. Anders gesagt: Indem die Taufe sich der Urerfahrungen der Eltern annimmt, übt sie heilende Praxis am Kind" (40). Der Seelsorger sollte im Rahmen der Taufe zur Bearbeitung der Probleme der Eltern beitragen. Wenn der Seelsorger auf die krisenhaften Mutter- und Vaterschaftserfahrungen der Eltern nicht eingeht, verletzt er, weil er sie abwertet. Zudem begibt er sich in Gefahr, die Taufe unversehens als Anlaß obrigkeitlicher Glaubensüberprüfung und Belehrung, also zur Herrschaft zu mißbrauchen. Er kränkt, wo er heilen sollte". (41)
4. Personzentrierte Psychotherapie und Seelsorge Das anthropologische Verständnis dieses Beratungsansatzes ist ressourcenorientiert. In einer durch Empathie, Akzeptanz und Kongruenz geprägten Beziehung erhalten Menschen Zugang zu ihren Wachstumsmöglichkeiten und zu ihren bisher nicht wahrgenommenen Persönlichkeitsanteilen". Diese Sektion ist dem Ansatz der humanistischen Psychologie und vor allem der Personzentrierten Psychotherapie und Gesprächsführung nach Carl R. Rogers verpflichtet. Ein Grundsatz dieser Psychologie ist der Glaube an die Güte der menschlichen Natur: ... der innerste Kern der menschlichen Natur, die am tiefsten liegenden Schichten seiner Persönlichkeit, die Grundlage seiner tierischen Natur ist von Natur aus positiv von Grund auf sozial, vorwärtsgerichtet, rational und realistisch" (42). Diese These zeigt deutlich ein verbreitetes Mißverständnis um die Bedeutung der Tiefenpsychologie: die Tiefen, von denen hier die Rede ist, entsprechen nicht einem eminent menschlich psychischen Kern, sondern der tierischen Natur. Rogers betont auch, daß der innere Kern der menschlichen Persönlichkeit der Organismus selbst ist" (43). Um vorwärtsgerichtet, rational, sozial und realistisch zu sein, bedarf der Mensch weder einer Erziehung noch vogegebener Modelle, er muß eher versuchen, sich selbst zu sein, anstatt sich den Erwartungen der anderen anzupassen. In seinem Leben sollte der Mensch weniger auf äußere Normen und eher auf seine Gefühle achten. Die Therapie soll den Klienten zur Annahme seiner somatischen Gefühle verhelfen und einen Prozeß ermöglichen, durch den man mit seinem eigenen Organismus eins wird" (44). Rogers lehnt auch ein statisches Menschenbild ab, sein Idealbild ist ein Mensch, der gegenüber allen Elementen seines organischen Erlebens offener ist, der Vertrauen zum eigenen Organismus als einem empfänglichen Instrument entwickelt, der Bewertungen aus sich heraus vornimmt, ein Mensch, der lernt, sein Leben als fließenden, fortwährenden Prozeß zu sehen, in dem er ständig neue Aspekte seines Wesens im Strom seiner Erfahrung entdeckt" (45). Ein solcher Mensch ist nicht auf das Gewissen angewiesen, Er entdeckt immerzu, daß er weder böse noch unkontrolliert ist, wenn er in diesem fließenden Sinne sich selbst ist" (46). Die Personzentrierte Methode Rogers wird von vielen geschätzt als Ausdruck einer respektvollen Haltung gegenüber dem Klienten, man kann sich aber fragen, ob trotz der Personzentriertheit dem Klienten doch ein verkürztes Menschenbild vermittelt wird. Teile der Persönlichkeit werden einfach als Maske entwertet und dem Klienten wird ein Befreiungsweg vorgeschlagen, der der geistigen Dimension im Menschen absagt. Die Theorie Rogers erscheint als psychologische Entsprechung des Liberalismus der freien Marktwirtschaft: erst wenn man Kontrollen, Normen und den Staat" abschafft, kann die Wirtschaft richtig laufen.
5. Gestaltseelsorge und Psychodrama in der Pastoralarbeit Fritz Perls, Begründer der Gestalttherapie, ist der Auffassung, daß die Natur sich wie ein selbstregulierendes System verhält, sehr subtil, außerordentlich empfindsam den jeweiligen Bedürfnissen gegenüber. Sobald wir diesen Prozeß unterbrechen und künstliche soziale Kontrollen einbauen, gerät es aus den Fugen. Jede Art der Selbstkontrolle wird dem Gesamtorganismus Schaden zufügen, wenn sie mit einem grundlegenden, vitalen Bedürfnis kollidiert. Jeder Sieg über uns selbst bedeutet gleichzeitig eine gewaltige Niederlage für uns selbst" (47). Psychische Störungen werden als Ausdruck des verlorenen Gleichgewichts und der Unfähigkeit, Gefühle und Bedürfnisse zu spüren, gedeutet. Gestalttherapie will dem Menschen helfen, die angeblich eingeengte Vitalität, Emotionalität, Kreativität und Ausdrucksfähigkeit wiederzuerlangen. Petzold sieht keinen Konflikt zwischen Integrativer Therapie und Religion, weil die Integrative Therapie im Unterschied zur Psychoanalyse Freuds über keine explizite Religionskritik verfüge. Auf dem Hintergrund ihres phänomenologisch-tiefenhermeneutischen Ansatzes versteht sie religiöse Phänomene eher allgemein und funktional als Ausdrucksformen menschlicher Existenz, die Sinn haben und akzeptierbar sind, solange sie die Integrität von Menschen nicht gefährden (z.B. durch Gewissenszwang oder Einschränkung der persönlichen Entfaltungsmöglichkeiten). Die ethischen Postulate des integrativen Ansatzes, die im Konzept der Koexistenz und der Gewährleistung von Integrität zentriert sind auch der Integrität von religiösen Überzeugungen , stehen mit den zentralen christlichen Positionen durchaus im Einklang" (48). Man kann dem Verfasser zustimmen, daß eine solche Therapie die Religion nicht explizit kritisiert. Aber implizit? Die Toleranz oder sogar die positive Würdigung religiöser Phänomene wird durch den Anspruch überschattet, den Rahmen ihrer Akzeptierbarkeit zu bestimmen. Wer entscheidet, wenn die Integrität gefährdet wird, oder was unter Entfaltungsmöglichkeiten" zu verstehen ist? Stellen zum Beispiel die zehn Gebote Einschränkungen der persönlichen Entfaltungsmöglichkeiten" dar? Tatsächlich liegt nach Ladenhauf ein Effekt der Weiterbildung in Integrativer Therapie in einer sensibleren Wahrnehmung angsterzeugender, repressiver und entfremdender Vorgänge in kirchlichen und gesellschaftlichen Strukturen. Das aus der schärfer wahrgenommenen Kluft zwischen kirchlich-institutioneller Realität und christlichen Glaubensinhalten resultierende Konfliktpotential wird bisher zuwenig berücksichtigt und muß stärker in den Bildungsprozeß einbezogen werden" (49).
Einheitliches Grundmodell Die verschiedenen Modelle, die kurz besprochen worden sind, zeigen bei allen Unterschieden auch wichtige Gemeinsamkeiten. Alle Krisen, von den psychosomatischen Störungen bis zu den Psychosen werden auf einen innerpsychischen Konflikt zurückgeführt. Unmittelbare Ursache der Krise ist die innere Spaltung, eine Entzweiung mit sich selbst. Die verschiedenen Richtungen sind sich darüber einig, daß die Entzweiung, die sich in der Krise manifestiert, nicht angeboren, sondern erworben ist und daß die Bedingungen der Erziehung zuerst in der Familie, später in der Kirche, in der Schule und in anderen Institutionen für die Entstehung dieser psychischen Spaltung verantwortlich sind: das Kind darf seinen Willen nicht durchsetzen, wird gezwungen, bestimmte Wünsche zu verdrängen, die nicht einmal ins Bewußtsein zugelassen werden dürfen; die verdrängten Wünsche bilden eine neue psychische Region, das Unbewußte; die von den Eltern und von den weiteren Erziehern vertretenen Werte werden internalisiert und bilden eine strenge, despotische, sadistische Instanz, das Über-Ich oder das moralische Gewissen; die Spaltung zwischen Bewußtsein und Unbewußtem, Trieben und Über-Ich, Gefühlen und Vernunft strukturiert und konsolidiert sich immer mehr im Lauf der Entwicklung, prägt den Menschen, sein Leben, seine Beziehungen, und sogar gesellschaftliche Verhältnisse werden von der Spaltung der Individuen geprägt. moralische Normen haben keinen absoluten Wert, führen eine willkürliche Unterscheidung zwischen Gut und Böse ein und dämonisieren" bestimmte Anteile der Persönlichkeit, die verdrängt und nicht integriert werden; der Unterschied zwischen gesund und krank wird aufgehoben. Der Mensch, der in eine Krise gerät oder psychische Störungen aufweist, ist nicht erst jetzt krank geworden", sondern der seit Anfang bestehende innere Konflikt ist unter besonderen Umständen manifest geworden; da der zugrundeliegende Konflikt von verschiedenen Institutionen mitverursacht worden ist, soll die Therapie auch diese Zusammenhänge aufdecken und die Institutionen (Familie, Kirche, usw.) kritisch hinterfragen; die kirchliche Beratungstelle" wird zu einem Ort, wo die Kirche als Institution in Frage gestellt wird; Jesus wird nur als Heiler verstanden. Diese Konzepte werden auch zur Interpretation der Evangelien herangezogen: Nach Meinung mancher Exegeten hat Jesus selbst, im Licht der modernen Klinischen Psychologie gesehen, Schizophrene geheilt. Die Heilung des Besessenen von Gerasa, wie sie Markus erzählt (Mk 5,1-20), ist dafür ein Beispiel", und die Dämonenaustreibung wird so interpretiert: Das abgespaltene, verdrängte Säuische der Psyche, so ist man psychotherapeutisch geneigt zu sagen, darf sich zeigen, darf sich austoben, damit es im Meer des Unbewußten versinken kann" (50). Mit anderen Worten, der Besessene von Gerasa wäre nur ein schizophrener" Mensch gewesen, der unter dem Druck der moralischen Normen das Säuische" seiner Psyche vedrängt hat und der durch die nicht integrierten, selbständig gewordenen dämonischen Vorstellungen erkrankt ist. Der Heilungsprozeß wäre ein ganz natürlicher: Das konkrete Heilen kann nicht länger unter Inanspruchnahme der Zwei-Naturen-Lehre von der Seelsorgspraxis der Kirche ausgesperrt werden. Vielmehr liefern Jesu Heilungen, die sich mit natürlichen Heilmethoden erhellen lassen, ein Modell, dem es nachzuhandeln gilt" (51). Indem Jesus sich dieses Menschen angenommen hat, hätte er ihm ermöglicht, sich selbst anzunehmen, der Verdrängung ein Ende zu setzen und geheilt zu werden. Die kirchliche Tradition hätte die durch Christus möglich gewordenen Heilungsprozesse der Selbstannahme" (52) als Wunderheilungen erklärt. Indem das Heilen der göttlichen Natur Jesu zugeschrieben wird, wird Jesus als Vorbild für eine heilende Seelsorge dramatisch entschärft. Um so notwendiger scheint es heute, Jesus als einen Heiler mit menschlicher Praxis, Jesus als Psychotherapeuten, wiederzuentdecken, der herausfordert, ihm darin nachzufolgen" (53). Als Psychiater kann ich weder mit der Diagnose Schizophrenie noch mit der Interpretation der Heilung des Besessenen durch Selbstannahme einverstanden sein. Wenn man bedenkt wie langwierig Psychotherapien sind, kann eine so schlagartige Heilung bei der ersten Begegnung keinesfalls mit einer Psychotherapie verglichen werden.
Heiler oder Erlöser In den letzten Jahrzehnten haben Religionswissenschaftler ein besonderes Phänomen beschrieben, die Verbreitung der sogenannten Heilungsreligionen, d.h. Religionen in deren Botschaft die Heilung von körperlichem und psychischem Leiden eine zentrale Rolle spielt. Régis Dericquebourg unterstreicht, daß diese Heilungsreligionen einen Platz einnehmen, der von großen westlichen Religionen und von einer unpersönlichen Medizin leer gelassen worden ist, die dunkle Zone des körperlich und psychisch erlebten Leidens, das Heilungsreligionen durch eine geistige Erfahrung verflüchtigen wollen (54). Es ist sicher zu begrüßen, wenn vernachlässigte Aspekte der Pastoral in der Kirche wieder gebührend berücksichtigt werden, es wäre aber ein Fehler, die Heilung nur im Sinne der Tiefenpsychologie zu verstehen und Jesus als Heiler und Vorläufer der modernen Psychotherapien anzusehen und dabei die Erlösungsbedürftigkeit des Menschen außer acht zu lassen oder sogar zu bestreiten. Kenntnisse aus der Psychologie und der Psychotherapie haben einen sehr wichtigen Platz innerhalb der Religion, leider aber gilt auch in diesem Bereich eine Analyse von Alasdair MacIntyre im Anschluß an Philipp Rieff: Es ist natürlich von Bedeutung, daß der Begriff des Therapeutischen in unserer Kultur eine Anwendung weit über das Gebiet der psychologischen Medizin hinaus erfahren hat, wo er offensichtlich seinen legitimen Platz hat. In The Triumph of Therapeutic (1966) und auch in To me Fellow Teacher (1975) hat Philipp Rieff mit unglaublicher Einsicht festgehalten, wie die Wahrheit als Wert abgelöst und durch psychologische Wirksamkeit ersetzt worden ist. Die Sprache der Therapie ist viel zu erfolgreich in Bereiche wie die Erziehung und die Religion vorgedrungen" (55).
*** * Der Autor ist Facharzt für Psychiatrie und Dozent für Psychologische Anthropologie an der Gustav-Siewerth-Akademie, Weilheim-Bierbronnen (Deutschland). (1) Joachim Scharfenberg, Einführung in die Pastoralpsychologie, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1985, S. 157. (2) Zitiert in Peter Held, Systemische Praxis in der Seelsorge, Matthias Grünewald, Mainz 1998, S. 199. Henning Luther war bis zu seinem Tod 1991 Professor für Praktische Theologie an der Universität Marburg. (3) Gemäß der kognitiven Theorie des Konstruktivismus gibt es keine objektive Erkenntnis, sondern jede Erkenntnis sei nur eine subjektive Konstruktion, die keinen Anspruch darauf erheben darf, die Realität objektiv zu erfassen und darzustellen. (4) P. Held, Systemische Praxis in der Seelsorge, zit., S. 50. (5) Ebd., S. 200. (6) Ebd., S. 98. (7) Zit. in ebd., S. 199. (8) Vgl. Humberto R. Maturana, Francisco J. Varela, Der Baum der Erkenntnis. Die biologischen Wurzeln menschlichen Erkennens, dt. Übersetzung. Goldmann, o.J., München S. 55. (9) P. Held, Systemische Praxis in der Seelsorge, zit., S. 103. (10) Alexander Ganoczy, Chaos - Zufall - Schöpfungsglaube. Die Chaostheorie als Herausforderung der Theologie, Matthias-Grünewald, Mainz 1995, S. 120. (11) Ebd., S.123. (12) Bruno Vollmert hat z. B. die Unwahrscheinlichkeit, wenn nicht die Unmöglichkeit bewiesen, daß ein Zuwachs der in der DNS enthaltenen Erbinformationen, wie es die Evolutionstheorie postuliert, nach der Wahrscheinlichkeitsrechnung nicht möglich ist. Vgl. Bruno Vollmert, Das Molekül und das Leben, Rowohlt Reinbeck 1985. (13) A.Ganoczy, Chaos Zufall Schöpfungsglaube. Die Chaostheorie als Herausforderung der Theologie, zit., S. 123. (14) Ebd., S. 215. (15) Ders., Unendliche Weiten... Naturwissenschaftliches Weltbild und christlicher Glaube, Herder, Freiburg, Basel, Wien,1998, S. 163. (16) Pastorale Konstitution über die Kirche in der Welt von heute "Gaudium et Spes", Nr. 13. (17) Paul Watzlawick, Janet H. Beavin und Don D. Jackson, zit. in P. Held, zit., S. 202. (18) Jan Robert Bloch, Vorwort zu Hauptsätze des Seins. Die Grundlegung des modernen Materiebegriffs. System Struktur Sonderband 3/ Band VI, Heft 1-2. 1998, S. 6. (19) Carl Gustav Jung, Brief an Victor White vom 26.IX.1945, in Briefe, Bd. I, S. 475. (20) Martin Lörsch, Systemische Gemeindeentwicklung. Ein Beitrag zur Erneuerung der Gemeinde im Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils, Lang, Frankfurt am Main 1999, S. 124. (21) Ebd., S. 124. (22) Ebd., S. 125. (23) Michael Klessmann, Irmhid Liebau, Seelsorge als "Verleiblichung der Theologie". Pastoralpsychologische Akzente bei Dietrich Stollberg, in id. (Hg.) "Leiblichkeit ist das Ende der Werke Gottes". Körper Leib Praktische Theologie, Vandenhoeck & Ruprecht, 1997 Göttingen, S. 20. (24) H. Lander, zit. von I. Baumgartner, Pastoralpsychologie, S. 329. (25) M. Lörsch, zit., S. 38. (26) P. Held, zit., S. 108. (27) J. Scharfenberg, zit., S. 137. (28) Ebd., S. 139. (29) Ebd., S. 123. (30) Erich Fromm, Jenseits der Illusionen. Die Bedeutung von Marx und Freud, in ders. Gesamtausgabe Bd. IX, Deutscher Taschenbuch Verlag 1989, München S. 82. (31) Zur Frage der Epikie vgl. Thomas von Aquin, Summa theologiae, II-II, qu. CXX. (32) Paul Michael Zulehner, Beratung und Seelsorge im gesellschaftlichen Kontext, in Isidor Baumgartner, Handbuch der Pastoralpsychologie, S. 127. (33) Baumgartner, Pastoralpsychologie, S. 536, (34) Ebd., S. 142. (35) Ebd., S. 530. (36) Ebd., S. 242 und 592. (37) Ebd., S. 625. (38) Ebd., S. 142. (39) Ebd., S. 640-641. (40) Ebd., S. 638. (41) Ebd., S. 653. (42) Carl R. Rogers, Entwicklung der Persönlichkeit. Psychotherapie aus der Sicht eines Therapeuten, dt. Übersetzung, Klett, Stuttgart 1976, S. 99-100. (43) Ebd., S. 100-101. (44) Ebd., S. 110. (45) Ebd., S. 129. (46) Ebd., S. 181. (47) Frederick S. Perls, Patricia Baumgardner, Das Vermächtnis der Gestalttherapie, dt. Übersetzung, Klett-Cotta, Stuttgart 1990, S. 135. (48) Karl Heinz Ladenhauf, Integrative Therapie und Seelsorge-Lernen, in Isidor Baumgartner Hrsg, Handbuch der Pastoralpsychologie, Pustet, Regensburg 1980, S. 187. (49) Ebd., S. 191. (50) I. Baumgartner, Pastoralpsychologie. Einführung in die Praxis heilender Seelsorge, Patmos, Düsseldorf 1990, S. 214. (51) Ebd., S. 260. (52) Ebd., S. 259. (53) Ebd., S. 259. "Jesus als Psychotherapeut" bezieht sich auf das gleichnamige Buch von H. Wolff. (54) Vgl. Régis Dericquebourg, Religions de guérison. Antoinisme, Science chrétienne, Scientologie, Cerf Paris und Fides Montréal 1988, S.109-111. (55) Alasdair MacIntyre, Der Verlust der Tugend. Zur moralischen Krise der Gegenwart, dt. Übersetzung, Campus, Frankfurt/New York 1987, S. 50. |
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