Deutsche Texte

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Dr. med. Ermanno Pavesi*, Spiritismus. Skizze der neueren Geschichte einer antichristlichen Bewegung, in Vobiscum. Publikationsorgan des Erzbistums Vaduz, Jahr 3, 5, Schellenberg (Liechtenstein) 2001, 45-53

 

Spiritismus. Skizze der neueren Geschichte einer antichristlichen Bewegung

 

1. Die Gemeinschaft mit den Seligen

In der Dogmatischen Konstitution über die Kirche "Lumen gentium" des Zweiten Vatikanischen Konzils wird u.a. die Frage der "Gemeinschaft" mit den verstorbenen Brüdern behandelt:

"Die Einheit der Erdenpilger mit den Brüdern, die im Frieden Christi entschlafen sind, hört keineswegs auf, wird vielmehr nach dem beständigen Glauben der Kirche gestärkt durch die Mitteilung geistlicher Güter. Dadurch nämlich, daß die Seligen inniger mit Christus vereint sind, festigen sie die ganze Kirche stärker in der Heiligkeit, erhöhen die Würde des Gottesdienstes, den sie auf Erden Gott darbringt, und tragen auf vielfältige Weise zum weiteren Aufbau der Kirche bei (vgl. 1 Kor 12, 12-27). Denn in die Heimat aufgenommen und dem Herrn gegenwärtig (vgl. 2 Kor 5,8), hören sie nicht auf, durch ihn, mit ihm und in ihm beim Vater für uns Fürbitte einzulegen, indem sie die Verdienste darbringen, die sie durch den einen Mittler zwischen Gott und den Menschen, Christus Jesus (vgl. 1 Tim 2,5), auf Erden erworben haben, zur Zeit, da sie in allem dem Herrn dienten und für seinen Leib, die Kirche, in ihrem Fleisch ergänzten, was an den Leiden Christi noch fehlt (vgl. Kol 1, 24). Durch ihre brüderliche Sorge also findet unsere Schwacheit reichste Hilfe" (LG 49).

Nach dem beständigen Glauben der Kirche hat die Gemeinschaft mit den Verstorbenen ihren legitimen Platz innerhalb der Gemeinschaft des ganzen mystischen Leibes Jesu Christi und findet ihren Ausdruck vor allem bei der Feier der Liturgie: "Auf vornehmste Weise wird aber unsere Einheit mit der himmlischen Kirche verwirklicht, wenn wir, besonders in der heiligen Liturgie, in der die Kraft des Heiligen Geistes durch die sakramentalen Zeichen auf uns einwirkt, das Lob der göttlichen Majestät in gemeinsamem Jubel feiern" (LG 50).

Die positive Darstellung der Lehre der Kirche zur Frage der Gemeinschaft der lebenden Christen mit den verstorbenen Brüdern führt in der Folge zur Verurteilung irriger, mit der kirchlichen Lehre unvereinbarer Meinungen, wie eine Fußnote im Text obigen Zitates aus Lumen Gentium zur Formulierung "Mitteilung geistlicher Güter" erläutert: "Neben den älteren Dokumenten gegen jegliche Form der Geisterbeschwörung seit Alexander IV. (27. September 1258) vgl. Enz. des Heiligen Offiziums, De magnetismi abusu, 4. Aug. 1856." Die Fußnote weist weiter hin auf eine Antwort des Hl. Offiziums vom 24. April 1917 auf die Frage nach der Erlaubtheit der Teilnahme an spiritistischen Sitzungen.

Mit diesen Hinweisen werden wir daran erinnert, daß einerseits die Geisterbeschwörung seit jeher praktiziert wurde und der Kirche Sorge bereitete und daß andererseits dieses Phänomen in den letzten zweihundert Jahren eine besondere, durch den sogenannten "animalischen Magnetismus" geprägte Form angenommen hat.

Ein historischer Überblick über den animali-schen Magnetismus und die Anfänge des modernen Spiritismus kann zu einem besseren Verständnis der heutigen Formen von Geisterbeschwörung bei-tragen.

 

2. Vom Mesmerismus zum Somnambulismus

Der deutsche Arzt Franz Anton Mesmer (1734-1813) ist davon überzeugt, daß eine spezielle Kraft dem ganzen Weltall zugrunde liegt: eine dem Magnetismus ähnliche Kraft, die aber anders als der gewöhnliche "mineralische Magnetismus" auch belebten Körpern innewohnen würde. Er bezeichnete sie als "tierischen" oder "animalischen Magnetismus". Er nimmt als Ursache jeglicher Erkrankung eine Behinderung der Zirkulation der magnetischen Kraft im menschlichen Körper an und hält die Magnetisation des Patienten als einzige wirklich wirksame Therapie.

Mesmer magnetisiert die Patienten vorwiegend auf zwei Arten:

– In der Einzelbehandlung sitzt der Magnetiseur vor dem Patienten, fährt Handbewegungen - Striche oder passes genannt – über den ganzen Körper, vom Kopf bis zu den Füßen, und berührt dann die Bauchgegend. Diese Prozedur löst eine "Krise" aus, die durch eine Veränderung des Bewußtseins und durch Muskelverkrampfungen charakterisiert ist und die freie Zirkulation der Kraft wiederherstellen sollte.

– In der Gruppenbehandlung sitzen die Patienten um einen Zuber herum in einem wenig beleuchteten Raum. Jeder berührt seine beiden Nachbarn, so daß eine Art Kette gebildet wird. Augenzeugen beschreiben diese Gruppensitzungen: "Einige Kranke bleiben ruhig und spüren nichts. Andere husten, stöhnen, empfinden leichte Schmerzen und ein lokalisiertes oder diffuses Wärmegefühl und fangen an, zu schwitzen. Andere sind unruhig, von Krämpfen gequält. Anzahl, Dauer und Intensität der Krämpfe sind außergewöhnlich. Man hat Krämpfe beobachtet, die drei Stunden gedauert haben. Sie sind durch plötzliche, unwillkürliche Bewegungen aller Glieder und des ganzen Körpers charakterisiert" (1).

Mesmer hält nur die schweren Krisen mit Bewußtseinsverlust und Muskelkrämp-fen für therapeutisch wirksam. Einer seiner Schüler aber, Amand-Marie-Jacques de Chastenet, Marquis de Puységur (1751–1825), macht eine interessante Beobachtung. Ein Junge zeigt während der Magnetisation eine eigenartige Krise: Er gerät in einen dem Schlafwandel ähnlichen Zustand, scheint die Umgebung nicht mehr richtig wahrzunehmen, beantwortet jedoch die Fragen des Magnetiseurs. In diesem sonderbaren Zustand setzt der Junge die Anwesenden in Erstaunen mit Anworten, die seine Kenntnisse und Bildung weit zu übertreffen scheinen. Puységur nennt diese besondere Krise "Somnambulismus". Der "magnetische Somnambulismus" erlebt eine rasche Verbreitung, zuerst in Frankreich, dann in ganz Europa und später auch in Nordamerika, vor allem weil man den Eindruck hat, die Somnambulen könnten mit unsichtbaren Wesen, mit Geistern oder mit Seelen von Verstorbenen verkehren. An verschiedenen Orten bilden sich Kreise und Gruppen, die von den Experimenten mit dieser Form von Magnetismus die Beantwortung von Fragen über Themen wie das Wesen des Menschen, die geistige Welt und das Jenseits erhoffen.

In den folgenden Jahrzehnten kann man drei Strömungen in der Entwicklung des Mesmerismus beobachten:

– Eine eher wissenschaftliche Strömung, die den Magnetismus als ein natürliches, auch von der Schulmedizin anwendbares Phänomen betrachtet, das nach den Methoden der Naturwissenschaft erforscht werden soll, das die Grenzen der Wissenschaft sogar erweitern kann und bisher unerklärliche Phänomene erklären kann. Aus der wissenschaftlich orientierten Erforschung der mesmerschen Phänomene entsteht allmählich eine neue Disziplin, die Parapsychologie (2).

– Eine esoterische Strömung, die den tierischen Magnetismus als eine Art Geheimlehre betrachtet, die nur in einem geschlossenen Kreis eingeweihter Menschen vermittelt werden kann.

– Eine "mystische" oder "spiritualistische" Strömung, die an die Echtheit des Verkehrs mit geistigen Wesen glaubt und aus den Botschaften der Geister ein philosophisch-religiöses System aufbaut.

 

3. Vom Somnambulismus zum Spiritismus

Sitzungen mit Geisterbeschwörungen erleben eine rasche Verbreitung. Versuche mit Magnetismus und Somnambulismus spielen eine wichtige Rolle innerhalb der Romantik, vor allem im deutschen Sprachraum, weil sie den Rationalismus der Aufklärung zu widerlegen scheinen (3). Der Gelehrte Franz von Baader (1765 – 1841) z.B. ist überzeugt, daß die somnambulen Zustände die Autonomie der seelischen Tätigkeit vom Nervensystem und von den Sinnesorganen beweisen, was materialistische Vorstellungen widerlegt und dafür spricht, daß die Seele auch vom Körper getrennt existieren kann. Andere Autoren, wie etwa der Arzt und Schriftsteller Johann Heinrich Jung-Stilling (1740–1817) sind vorsichtiger und betrachten die mesmerschen Phänomene wohl als Beweis der Existenz einer übersinnlichen Welt, warnen jedoch vor den Gefahren, die ein Mensch läuft, wenn er seine medialen und hellseherischen Fähigkeiten zu entwickeln versucht: "Wenn ein unbekehrter, weltlich gesinnter Mensch sein Ahnungsvermögen entwickelt, so geräth er in Gefahr der Abgoetterey und der Zauberey. Die Religionslehrer und die Aerzte sollen also die Unwissenden über diesen wichtigen Punkt belehren" (4).

Trotz solcher Warnungen gehen die Experimente weiter. So veröffentlicht 1829 ein schwäbischer Arzt, Justinus Kerner (1786–1862), die Visionen einer Frau, Friederike Hauffe-Wanner (1801–1829), die er einige Jahre lang magnetisch behandelt hat, in der Schrift Die Seherin von Prevorst. Eröffnungen über das innere Leben des Menschen und über das Hineinragen einer Geisterwelt in die unsere. Das Buch wird zum Erfolg, das Haus von Kerner zur Anlaufstelle von prominenten und einfachen Menschen, die noch mehr auf dem Gebiet erfahren möchten oder selber eigene Beobachtungen mitteilen wollen. Das Interesse ist so groß, daß Kerner 1831 eine eigene Zeitschrift herausgibt, die Blätter aus Prevorst.

Angesichts der Verbreitung dieser Art Magnetismus hält das Hl. Offizium im April 1841 fest: "Der Gebrauch des Magnetismus, wie er dargestellt wird, ist nicht erlaubt" (5). Aber in Anbetracht der sehr unterschiedlichen Anwendungen des Magnetismus gibt die römische Kongregation im Juli 1847 eine differenziertere Stellungnahme ab, die gewisse Anwendungen wohl erlaubt, wenn z. B. der Magnetismus als natürliches Mittel auf ein natürliches Ziel gerichtet ist, wie bei der Behandlung einer Krankheit, jedoch andere Anwendungen verurteilt: "Ist jeder Irrtum, jede Zauberei und jede ausdrückliche und implizite Anrufung des Dämons entfernt, so ist der Gebrauch des Magnetismus, nämlich der reine Akt der Anwendung ansonsten erlaubter natürlicher Mittel, nicht sittlich verboten, sofern er sich nur nicht auf ein unerlaubtes oder in irgendeiner Weise verkehrtes Ziel richtet. Die Anwendung rein natürlicher Prinzipien und Mittel auf wahrhaft übernatürliche Dinge und Wirkungen, damit sie natürlich erklärt würden, ist aber nichts anderes als eine völlig unerlaubte Täuschung und häretisch" (6).

1848 ereignen sich im Hause der Familie Fox in Hydesville im Staat New York seltsame Phänomene. Eigenartige Geräusche werden als Klopfen von Geistern gedeutet, und zwar als Versuch, Kontakt zu den Lebenden herzustellen. Diese Ereignisse geben der bereits weit verbreiteten spiritistischen Bewegung in den Vereinigten Staaten noch mehr Auftrieb. Bald werden weitere Methoden entwickelt, die den Geistern erlauben sollen, mit den Lebenden zu kommunizieren, wie Tische, Drehtafel, automatisches Schreiben, wobei diese Art Kommunikation voraussetzt, daß Geister auch materielle Phänomene verursachen und materielle Körper bewegen können. Diese neue spiritistische Welle erreicht Großbritannien gegen das Ende von 1852 und verbreitet sich anfangs 1853 in ganz Europa, wo diese Art Geisterbeschwörung nicht als etwa ganz neu, sondern als ein besonderes mesmersches Phänomen betrachtet wird: die damaligen Berichte sprechen nämlich von "somnambulen", "magnetischen" oder "magnetisierten" Tischen (7).

1856 nimmt das Hl. Offizium wiederum Stellung zu den magnetischen Experimenten: Medien "schwatzen durch nicht immer sittsame Gebärden fortgerissen, in den Gaukeleien der Schlafwandelerei und der Hellseherei, wie sie es nennen, daher, sie be-kämen alles Unsichtbare zu Gesicht, und unterstehen sich in leichfertigem Unterfangen, selbst über die Religion Gespräche zu beginnen, die Seelen der Toten herbeizu-rufen, Antworten zu empfangen, Unbekanntes und weit Entferntes aufzudecken und andere abergläubische Dinge dieser Art auszuüben, um für sich und für ihre Herren durch zuverlässige Weissagung großen Gewinn zu erreichen. Welche Kunst oder Vorspiegelung sie auch letztlich bei alledem anwenden: da natürliche Mittel auf unnatürliche Wirkungen gerichtet werden, liegt eine völlig unerlaubte und häretische Täuschung vor und ein Verstoß gegen die guten Sitten" (8).

Der Franzose Hyppolyte Léon Dénizard Rivail (1803 – 1869) schreibt 1857 unter dem Pseudonym Allan Kardec Das Buch der Geister; der Untertitel des Buches gibt über den Inhalt sehr genau Aufschluß: "Die Grundsätze der spiritistischen Lehre von der Unsterblichkeit der Seele, der Natur der Geister, ihren Beziehungen zu den Menschen; die Sittengesetze, das irdische und das künftige Leben und die Zukunft der Menschheit. Nach Kundgebung höherer Geister durch verschiedene Medien" (9).

Vor allem in Frankreich bekommt der Spiritismus einen "religiösen" und meistens ausdrücklich antikatholischen Anstrich. Verschiedene Kreise, wie Sozialisten, Liberale, Freimauer, sehen im Spiritismus einen Ersatz für die katholische Religion (10).

 

4. James Braid und die Hypnose

1841 wohnt der englische Arzt, James Braid (1795–1860), öffentlichen Aufführungen des bekannten Magnetiseurs Charles Lafontaine (1803–1892) bei. Braid ist vor allem von der Schmerzenunempfindlichkeit beeindruckt, die während der Magnetisation auftritt. In dieser Zeit verfügt die Anästhesie nur über beschränkte Möglichkeiten und der chirurgisch tätige Braid hofft, die Magnetisation bei Eingriffen anwenden zu können. Er befaßt sich mit den theoretischen Grundsätzen des Magnetismus, versucht selber diese Methode auf eine wissenschaftliche Grundlage zu stellen und esoterische und volkstümliche Elemente auszuklammern. Um eine Verwechselung seiner wissenschaftlichen Methode mit dem bisherigen Magnetismus zu vermeiden, nennt er sie "Neurohypnotismus" (11). Diese Unterscheidung setzt sich erst viele Jahrzehnte später durch. Bis zum Ende des XIX. Jahrhunderts werden die Ausdrücke Magnetismus und Hypnose praktisch als Synonyme verwendet. Man kann z.B. Binet und Féré erwähnen, zwei Mitarbeiter des französischen Psychiaters Jean-Martin Charcot, die die klinische Anwendung der Hypnose in einem Buch mit dem Titel "Le magnétisme animal" beschreiben (12). Mit Somnambulismus wurde immer noch ein besonderer hypnotischer Zustand bezeichnet.

Der Umstand, daß die Hypnose aus dem Magnetismus hervorgegangen ist, ist insofern wichtig, da Kenntnisse über die hypnotischen Zustände zur Interpretation anderer mesmerscher Phänomene und der veränderten Bewußtseinszustände bei spiritistischen Sitzungen herangezogen werden können.

 

5. Carl Gustav Jung und die "okkulten Phänomene"

Der Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung (1875 – 1961) beschäftigt sich schon während des Studiums mit paranormalen Phänomenen. Er selber berichtet: "Zu Ende meines zweiten Semesters machte ich eine folgen schwere Entdeckung: ich fand in der Bibliothek des Vaters eines meiner Studienfreunde, eines Kunsthystorikers, ein kleines Büchlein aus den siebziger Jahren über Geistererscheinungen" (13). In der Folge vertieft sich Jung systematisch in die spiritistische Literatur: "So seltsam und zweifelhaft sie mir auch vorkamen, waren die Beobachtungen der Spiritisten für mich doch die ersten Be-richte über objektive psychische Phänomene. Namen wie Zoellner und Crookes machten mir Eindruck, und ich las sozusagen die ganze mir damals erreichbare Literatur über Spiritismus" (14). Jung bleibt nicht bei der Theorie, sondern organisiert spiritistische Sitzungen mit einer jungen Cousine. Die Erfahrungen in diesen Sitzungen bilden den Hauptteil seiner Dissertation: Zur Psychologie und Pathologie okkulter Phänomene (15). Auch in späteren Jahren hat Jung Experimente mit Medien durchgeführt (16). Er hat selber auch von persönlichen paranormalen Erfahrungen berichtet, 1916 z.B., nachdem in seinem Haus eine Reihe unerklärlicher Phänomene sich ereignet hatte: "Das ganze Haus war angefüllt wie von einer Volksmenge, dicht voll von Geistern. Sie standen bis unter die Tür, und man hatte das Gefühl, kaum atmen zu können" (17). Bald beginnen die Geister laut im Chor zu rufen, und Jung hat ihre Botschaften in einem kleinen Werk, Septem sermones ad mortuos, Die sieben Belehrungen der Toten, niedergeschrieben.

 

6. Vom Spiritismus zum "Channeling"

Im XIX. und am Anfang des XX. Jahrhunderts ist der Spiritismus stark antikatholisch geprägt, die Kultur des christlichen Abendlandes stellt jedoch seinen kulturellen Hintergrund in bezug auf Grundvorstellungen über den Menschen, seine Natur und diejenige geistiger Wesen usw. Säkularisierung, Verbreitung tiefenpsychologischer Kenntnisse und fernöstlicher Theorien haben dem heutigen Spiritismus einen anderen kulturellen Hintergrund verliehen. Das Medium wird zum Kanal (engl. "channel") zu einer höheren Bewußtheit, sei es durch einen Kontakt zu Wesen, wie Verstorbenen, Engeln, Geistern, "Meistern", sei es durch Erschließung von Ich-fremden Bereichen der Psyche, wie dem kollektiven Unbewußten oder dem "oberen Selbst". Diese neue Form von Spiritismus, Channeling genannt, hat somit die meisten Thesen der neuen Religiosität und des New Age übernommen (18).

Katholische Kreise sind von dieser Entwicklung nicht verschont geblieben. 1960 hat Egon von Petersdorff (1892–1963) gewarnt: "Der Spiritismus ist heute wieder "aktuell", aber nicht so sehr in seiner alten Form, sondern als "Neo-Spiritismus" katholischer Richtung, zuerst in Frankreich und jetzt auch im deutschen Sprachgebiet als "Gesellschaft katholischer Parapsychologen". In beiden steht das Problem der Totenerscheinungen an erster Stelle" (19). Die Verwandlung ist rasch vorangeschrit-ten, die 1958 gegrün-dete Internationale Gesellschaft katholischer Parapsychologen wird bereits 1965 in die Internationale Interessengemeinschaft für Grenzgebiete der Wissenschaft umgewandelt.

 

7. Der Kathechismus der Katholischen Kirche von 1993

Auch der Kathechismus der Katholischen Kirche befaßt sich in einigen Artikeln mit dem Spiritismus und verwandten Erscheinungen.

"Art. 2115 Gott kann seinen Pro-pheten und anderen Heiligen die Zukunft offenbaren. Die christliche Haltung besteht jedoch darin, die Zukunft vertrauensvoll der Vor-sehung anheimzustellen und sich jeg-licher ungesunder Neugier zu enthalten. Wer es an notwendiger Voraussicht fehlen läßt, handelt verantwortungslos.

Art. 2116 Sämtliche Formen der Wahrsagerei sind zu verwerfen: Indienstnahme von Satan und Dämonen, Totenbeschwörung oder andere Handlungen, von denen man zu Unrecht annimmt, sie könnten die Zukunft "entschleiern". Hinter Horoskopen, Astrologie, Handlesen, Deuten von Vorzeichen und Orakeln, Hellseherei und dem Befragen eines Mediums verbirgt sich der Wille zur Macht über die Zeit, die Geschichte und letztlich über die Menschen, sowie der Wunsch, sich die geheimen Mächte geneigt zu machen. Dies widerspricht der mit liebender Ehrfurcht erfüllten Hochachtung, die wir allein Gott schulden.

Art. 2117 Sämtliche Praktiken der Magie und Zauberei, mit denen man sich geheime Mächte untertan machen will, um sie in seinen Dienst zu stellen und eine übernatürliche Macht über andere zu gewinnen – sei es auch, um ihnen Gesundheit zu verschaffen –, verstoßen schwer gegen die Tugend der Gottesverehrung. Solche Handlungen sind erst recht zu verurteilen, wenn sie von der Absicht begleitet sind, anderen zu schaden, oder wenn sie versuchen, Dämonen in Anspruch zu nehmen. Auch das Tragen von Amuletten ist verwerflich. Spiritismus ist oft mit Wahrsagerei oder Magie verbunden. Darum warnt die Kirche die Gläubigen davor. Die Anwendung sogenannter natürlicher Heilkräfte rechtfertigt weder die Anrufung böser Mächte noch die Ausbeutung der Gutgläubigkeit anderer."

 

8. Eine kritische Einteilung

Von Petersdorff erwähnt, wie zur Erklärung der spiritistischen Phänomene drei Theorien vorgeschlagen worden sind:

– Die Betrugstheorie deutet diese Phänomene als bewußten oder unbewußten Betrug.

– Die natürliche Erklärung, auch "animistische" Erklärung genannt, schließt außernatürliche Ursachen aus und nimmt besondere, bis jetzt nicht bekannte Fähigkeiten der Persönlichkeit des Mediums an.

– Die spiritistische Erklärung glaubt dagegen, an die Möglichkeit von Kontakten mit Geistern, wobei diese Geister manchmal als Seelen von Verstorbenen gedeutet werden, manchmal als Führer-Geister, "gute" Geister, die auserwählten Menschen ihre Dienste und ihre Kenntnisse zur Verfügung stellen.

Von Petersdorff schließt im Einzelfall den Betrug nicht aus, der gelegentlich unter dem Erwartungsdruck der Anwesenden geschehen könnte, kann aber den Betrug als einzige Erklärung nicht akzeptieren. Er ist auch überzeugt, daß etliche Phänomene animistisch erklärt werden können. Es bleibt aber ein Teil von Phänomenen, die auf eine übernatürliche Ursache hinweisen. Von Petersdorff lehnt aber die spiritistische Theorie ab, weil er eine direkte Kommunikation mit Seelen von Verstorbenen ausschließt, er findet weiter, daß Art und Inhalte der spiritistischen Botschaften mit dem Wirken von heiligen Engeln nicht vereinbar ist, "es bleibt also als einzigste Möglichkeit nur die Annahme, daß hier Dämonen am Werk sind" (20). Auch Thomas von Aquin vertritt die Meinung, daß Dämonen sich als Verstorbene ausgeben können, um die Heiden in ihrem falschen Glauben zu bestätigen (21).

Die Teilnahme an spiritistischen Sitzungen ist nicht ungefährlich, und dies in verschiedenen Hinsichten. Theologen warnen davor, den Zauberlehrling zu spielen und sich auf diese Art dämonischen Einflüssen auszusetzen. Veränderte Bewußtseinszustände, wie bei Trance-Zuständen während spiritistischer Sitzungen, können ernsthafte psychische und sogar psychiatrische Folgen haben. Die Suche nach einer höheren Bewußtheit kann zu verschiedenen Störungen führen wie zu Phänomenen von Depersonalisation und zu Halluzinationen, zur Spaltung der Persönlichkeitund zum Gefühl, von "Geisterstimmen" gesteuert zu werden. Für solche schwere psychische Störungen, die auf die Tätigkeit als Medium zurückgeführt werden können, hat der deutsche Parapsychologe und Professor für Grenzgebiete der Psychologie an der Universität Freiburg in Breisgau, Hans Bender (1907–1991), die Bezeichnung Mediumistische Psychosen vorgeschlagen.

 

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* Der Autor ist Facharzt für Psychiatrie und Dozent für Psychologische Anthropologie an der Gustav-Siewerth-Akademie in Weilheim-Bierbronnen (Deutschland).

(1) Alfred Binet und Ch. Féré, Le magnétisme animal, Alcan, Paris 1987, S. 6.

(2) Vgl. z.B. Fanny Moser, Das grosse Buch des Okkultimus, Walter, Olten 1974.

(3) Vgl. z.B. Ernst Benz, Franz Anton Mesmer und seine Ausstrahlung in Europa und Amerika, Fink, München 1976.

(4) Johann Heinrich Jung-Stilling, Theorie der Geister-Kunde in einer Natur- Vernunft- und Bibelmässigen Beantwortung der Frage: Was von Ahnungen, Gesichten und Geistererscheinungen geglaubt und nicht geglaubt werden müsse, Nürnberg, Raw 1808, S. 369.

(5) Heinrich Denzinger, Kompendium der Glaubenkenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen. 38., aktualisierte Auflage 1999, Herder, Freiburg i. Br., Nr. 2823.

(6) Ebd., Nr. 2824.

(7) Vgl. Justinus Kerner, Die somnambülen Tische. Zur Geschichte und Erklärung dieser Erscheinung, Ebner& Seubert, Stuttgart 1853.

(8) H. Denzinger, zit., Nr. 2825.

(9) Allan Kardec, Das Buch der Geister. Dt. Übersetzung, Esotera Taschenbücherei, Bauer, Freiburg i. Br. 1987.

(10) Vgl. Regis Ladous, Le Spiritisme, Les Editions du Cerf, 1989 ohne Ort.

(11) Vgl. Henry F. Ellenberger, Die Entdeckung des Unbewussten. Geschichte und Entwicklung der dynamischen Psychiatrie von den Anfängen bis zu Janet, Freud, Adler und Jung. Dt. Übersetzung, Diogenes, Zürich 1985, S. 165-169.

(12) A. Binet und Ch. Féré, zit.

(13) Carl Gustav Jung, Erinnerungen, Träume, Gedanken. Aufgezeichnet und herausgegeben von Aniela Jaffé, Buchclub Ex Libris, Zürich ohne Jahr, S. 105-106.

(14) Ebd., S. 106.

(15) Ders., Zur Psychologie und Pathologie okkulter Phänomene, Mutze, Leipzig 1902.

(16) Vgl. das Kapitel Okkultismus und Spiritismus in Aniela Jaffé, Aus Leben und Werkstatt von C.G. Jung. Parapsychologie, Alchemie, Nationalsozialismus, Erinnerungen aus den letzten Jahren, Rascher, Zürich und Stuttgart 1968, S. 15-27.

(17) C.G. Jung, Erinnerungen, Träume, Gedanken, zit., S. 194.

(18) Vgl. Massimo Introvigne, Il channeling: uno spiritismo moderno? in Ders., Lo spiritismo, LDC, Turin 1989, S. 35-94.

(19) Egon von Petersdorff, Daemonen, Hexen, Spiritisten. Mächte der Finsternis einst und jetzt. Eine Daemonologie aller Zeiten, Credo-Verlag, Wiesbaden 1960, S. 143.

(20) Ders., Daemonologie. Zweiter Band: Daemonen am Werk, 2. Auflage, Christiana, Stein am Rhein 1982, S. 286.

(21) Thomas von Aquin, Summa theologiae I, qu. 117, art. 4.